Martin Fröst: Vivaldi; Montage: rbbKultur
Sony Classical
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CD DER WOCHE | 27.07. – 02.08.2020 - Martin Fröst: Vivaldi

Dem schwedischen Klarinettisten Martin Fröst wird schnell langweilig. Immer wieder muss was Neues her. Und weil er schon das komplette klassische Repertoire für Klarinette und so einige Uraufführungen gespielt hat, hat er nun ein neues Abenteuer gewagt – und aus Arien von Vivaldi neue Klarinettenkonzerte entwickelt.

Martin Fröst ist zu den Anfängen der Klarinette gereist, in die Zeit von Vivaldi. Der hat die Klarinette und ihr Vorgängerinstrument Chalumeau zwar in einigen seiner Werke eingesetzt, aber ein Klarinettenkonzert hat er nicht komponiert. Was hätte Vivaldi geschrieben, hätte er die Klarinette besser gekannt? Diese Frage stand am Anfang der Zusammenarbeit von Martin Fröst und dem Komponisten und Spezialisten für Bläserarrangements Andreas Tarkmann.

Gemeinsam haben sie nach Arien gesucht, die sich als Sätze für die neuen Klarinettenkonzerte eignen. "Wir hatten unterschiedliche Ideen, haben uns dann aber getroffen, indem ich mir seine Vorstellungen und er sich meine begeisterten Ideen angehört hat, das was ich gerne spielen wollte", erinnert sich Martin Fröst.

Der Klang von hellem Buchsbaumholz

Sein Instrument ist in diesem Fall ein besonderes, ein modernes Instrument aus hellem Buchsbaumholz, angelehnt an den Klang zu Vivaldis Zeiten. Martin Fröst ist fasziniert davon, denn nicht nur der Klang sei ziemlich weit weg von der modernen Klarinette, das Instrument sei auch sensibler und reagiere anders auf den Zungenstoß und die Luft, die einströmt.

Und diesen empfindlicheren Klang hatte er bei der Auswahl der Arien schon im Ohr, aus denen Andreas Tarkmann dann die neuen Vivaldi-Klarinettenkonzerte zusammenstellte. Beim ersten Hören merkte Martin Fröst direkt: "Das passt zur Klarinette! Als ich die Arie dann auf der Buchsbaum-Klarinette spielte, fühlte sich das wie Singen an." Das liege auch daran, dass Andres Tarkmann alles etwas tiefer setzt als die normale, brillante Klarinette, die später entwickelt wurde. "Wir sind hier in einer geheimen, magisch-melancholischen Klangwelt. Vielleicht mag ich die langsamen Arien deswegen so sehr", sagt Fröst.

Aber die neuen Vivaldi-Klarinettenkonzerte haben – natürlich – nicht nur langsame, melancholische Sätze. Gerade in den schnellen Sätzen bricht sich das Bahn, was typisch Martin Fröst ist. Denn: "Die Allegros sind virtuoser als in der Sängerversion – das Tempo ist schneller, wir haben viele Verzierungen und doppelte Zungenstöße eingebaut. Vielleicht sind diese funkelnden Details typisch für mich."

Martin Fröst, Klarinette; Jonas Holthaus Photography
Bild: Jonas Holthaus Photography

Zurück in die Zukunft

Mit seiner Neuinterpretation von Vivaldi knüpft Martin Fröst an seine früheren Projekte an. In denen hat er immer versucht, mit den Einflüssen der Musikgeschichte zu arbeiten, aber gleichzeitig in die Zukunft zu blicken und Neues zu schaffen – Retrotopia nennt er das Prinzip. Er habe keine Lust, sich dem heute komplett anzupassen, so Fröst. Er tut sich lieber mit Alte-Musik-Profis zusammen, in diesem Fall mit Concerto Köln. Mit deren historischen Instrumenten und seinem modernen Instrument, das alt klingt, entstehe zusammen etwas Neues: "Das ist für mich Musik schaffen."

Concerto Köln begleitet ihn sanft, aber nicht zurückhaltend. Zwischen den neuen Konzerten spielt das Ensemble Opernouvertüren von Vivaldi, in denen die volle Bandbreite des Orchesterklangs noch einmal hörbar wird. In der "Air für Chalumeau" aus dem Oratorium "Juditha" unterhalten sich dann auch einzelne Instrumente mit der Klarinette.

Dass es Komponisten und Musikern früher viel mehr um die Musik als um einzelne Instrumente ging, das nimmt sich Martin Fröst zum Vorbild. Er erweitert zwar das Repertoire für Klarinette, aber eigentlich singt er aus tiefster Seele.

Birte Mensing, rbbKultur