Víkingur Ólafsson: Debussy - Rameau; Montage: rbbKultur
Bild: Deutsche Grammophon

CD DER WOCHE | 23.03. – 29.03.2020 - Víkingur Ólafsson: Debussy | Rameau

Víkingur Ólafsson hatte zuletzt mit seiner Bach-CD großes Aufsehen erregt. Nun widmet er sich dem Bach-Zeitgenossen Jean-Philippe Rameau. Rameaus kleine barocke Perlen im Wechsel mit Klavierstücken von Claude Debussy, der 180 Jahre später geboren wurde – das ist ein überraschendes Hörerlebnis.

Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson hätte am liebsten, wenn man die CD von Anfang bis Ende durchhören würde. Er denk über das Album wie über eine Komposition, ein einziges Stück in 28 Teilen. So viele Tracks hat das Album. Ólafsson sieht sie als Kurzgeschichten.

Man kann sich tatsächlich hingeben, hineinziehen lassen in den Fluss der Musik auf dem neuen Album des Isländers Víkingur Ólafsson. Aus Klavierstücken von Claude Debussy und ursprünglich Cembalowerken des Barockmeisters Jean-Philipp Rameau hat Ólafsson eine Folge geschaffen, bei der es bald keine Rolle mehr spielt, ob wir uns nun im frühen 20. Jahrhundert bewegen oder im Frankreich des Barock. „Es ist ein Album über die Zeit und darüber wie schwer zu erfassen Zeit ist. 180 Jahre liegen zwischen Debussy und Rameau und dennoch sind sie Seelenverwandte“, sagt der Pianist.

Zeitgenossen aus zwei Jahrhunderten

Claude Debussy selbst hat Rameau wie einen Zeitgenossen gesehen. Er hatte die Wiederentdeckung von Rameaus Werken mit großem Interesse verfolgt. Víkingur Ólafsson entdeckt in der Musik des Barockmeisters Rameau vieles, was auf die Zukunft weist. Zugleich will er einen anderen Blick auf Debussy, der nicht nur ein Neuerer gewesen sei.

"Ich wollte neu nachdenken über Debussy, ich wollte nicht das Klischeebild des Impressionisten. Er ist mehr als ein Impressionist. Er ist auch Impressionist. Aber seine Musik ist tief verwurzelt in der Vergangenheit."

Víkingur Ólafsson und Christian Schruff; © Carsten Kampf
Bild: Carsten Kampf

Unbekannter Rameau

Debussy gehört dazu, wenn man Klavier studiert, Rameau nicht. Nur wenige Pianisten spielen seine Werke. Als Ólafsson und seine Frau im letzten Jahr die Geburt ihres ersten Sohns erwarteten, hatte der Pianist Konzerte in Paris abgesagt. Das Baby lies die Eltern zwei Wochen länger warten und so spielte Ólafsson zuhause in Island französische Musik: Rameau und Debussy. So entstand die Idee zum dritten Album.

Der Pianist hat es wie einen Dialog angelegt, als wären beide Komponisten noch am Leben "Sie unterhalten sich und sie hören einander zu." Auf dem Coverfoto des Albums malt Víkingur Ólafsson mit Fingerfarben. In der Musik von Rameau und Debussy malt er mit den vielen Farben und Schattierungen des Konzertflügels. Er geht pianistisch an die Cembalomusik heran, ihn reizt die harmonische und klangliche Modernität des Barockkomponisten. Der hat schließlich auch bis ins hohe Alter in seinen Opern mit den Farben des Orchesters experimentiert.

In die Mitte seines Albums hat der Pianist deshalb einen Satz aus Rameaus letzter Oper gestellt, "Les Boréades", und für das Klavier eine eigene, neue Fassung davon gemacht: "The Arts and the Hours". Zeitlos schön.

Christian Schruff, rbbKultur