Fotoprobe zu "La Sonnambula" in der Deutschen Oper Berlin. (Quelle: imago/Scherf)
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Deutsche Oper Berlin - "La Sonnambula"

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Dem nicht reisenden Opernfan mag der Ankauf gefallen. Denn "La Sonnambula", vor fünf Jahren in Stuttgart herausgekommen, wäre sonst nie in Berlin zu sehen gewesen.

Schöner Abend, nur dass sofort zuzugestehen ist: Wenn ein Haus wie die Deutsche Oper ihre vielleicht zwei besten Produktionen der Saison bloßer Schnäppchen-Jägerei verdankt (auch "Les contes d’Hoffmann" kam von anderswo), wie ist es dann eigentlich um das Profil des Hauses bestellt?! Nun, das haben wir vorher gewusst. Einige Regie-Buhs für die ‚Hinterweltler-Variante’ dieser Sonnambula-Deutung zeigten trotzdem, dass das Premieren-Publikum den Fall differenzierter sieht. Mit Recht.

Deutsche Oper Berlin: La Sonnambula
Bild: Bernd Uhlig

Bühnenbildnerin Anna Viebrock ist die amtierende Ruinenbau-Weltmeisterin deutscher Bühnenkunst. Ihre gepriesene Spezialität sind ranzige Interieurs, Speckecken und wasserfleckige Dreckrefugien, in denen das Leben von Bakterien ausgeht. Wir blicken in einen monumentalen Schweizer Landgasthof der Kategorie "1 Stern". Vor allem aber ist Anna Viebrock die wohl einzige Naturalistin auf weiter Flur – und eine so perfekte Illusionistin, dass bis zum letzten Spinnweben, zur hintersten fettigen Steckdose alles wie von der Zeit überflaumt und angegriffen erscheint. Regisseur Jossi Wieler – der die Geschichte eines altbackenen, späten Mädchen erzählt, das nächtens irrtümlich in die falschen Fenster steigt – braucht sich hier nur häuslich einzurichten. Fertig ist die Gartenlaube.

Mir fehlte Spannung, Schwebung, Leichtigkeit.

Dirigent Diego Fasolis war nach der Orchesterhauptprobe im Clash abgerauscht, was zu einer Ansage vor der Vorstellung führte. Die Deutsche Oper, traditionell bei Gastdirigenten schwächelnd, war aber auch zu mutwillig vorgegangen, als sie einen ausgewiesenen Spezialisten der historischen Aufführungspraxis ihrem Orchester vorsetzte, das mit dieser Richtung noch fast gar nicht in Berührung gekommen war. Kein Wunder, dass das schief ging. Stephan Zilias muss nun die Scherben zusammenfegen. Mir fehlte Spannung, Schwebung, Leichtigkeit. Leider ist die Bellini-Tradition in Berlin längst abgerissen. Von Donizetti lässt sich dies überhaupt nicht unterscheiden, von Verdi und Puccini auch kaum. Wo sind die berühmten "Linien", für die Bellini verehrt wird?! Der Chor singt fast grundsätzlich zu laut, so dass ihm zuzurufen ist: "Ihr seid super, aber Ihr wärt noch viel besser, wenn Ihr mal etwas leiser singen wolltet!"

Vorzüglich: Alexandra Hutton als Dorfschlampe Lisa. Tenor Jesús León war mir etwas zu torreromäßig. Die russische Sopranistin Venera Gimadieva zeigt ein schönes, züngelndes Material, singt aber in den Koloraturen etwas quaddelig-uneben und ‚verzierungsfaul’. Auch dies ein Tribut an die internationale Sängerszene – ein Grundübel. Es müsste viel luftiger im Raum schwingen. Punktabzug bei der Idiomatik.

Trotzdem schön!

Vor allem als Wimmelbild und Menschenmuseum der genialen Anna Viebrock. Dass von ihr seit "Pariser Leben" an der Volksbühne wohl nie ein Opernbühnenbild in Berlin zu sehen war, ist eigentlich eine Schande. Allein das rechtfertig schon die Aufführung ... zumindest ein Stück weit.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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© Franziska Strauss

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