Komische Oper Berlin: La Bohème © Iko Freese | drama-berlin.de
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Komische Oper Berlin - "La Bohème"

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Routinierter geht es kaum: Intendant Barrie Kosky lässt sein Regierepertoire abschnurren, das Sängerensemble hetzt und schreit durch den Abend, und der Kapellmeister Jordan de Souza dreht kräftig auf.

Die letzte "Bohème"-Inszenierung an der Komischen Oper Berlin ist schon über zehn Jahre her. Da hatte der damalige Intendant Andreas Homoki eine blasse und hemdsärmelige Aufführung auf die Bühne gestellt, die man zu Recht schon längst vergessen hat. Die Neuproduktion wird in italienischer Sprache gesungen. Damit hat man sich am Haus endgültig von der ehemaligen Tradition, alles in deutscher Sprache zu singen, verabschiedet. Man hatte schon lange den Eindruck, dass Barrie Kosky das ohnehin nur noch ein Dorn im Auge war.

Barrie Kosky lässt das Stück im Paris um 1850 spielen, zur Entstehungszeit der literarischen Vorlage. Äußerlich ist das schon daran erkennbar, dass der Maler Marcello hier Photograph ist. In diesen Jahren entstand die Vorform der Fotografie, die nach ihrem Erfinder benannte Daguerreotypie. Man sieht entsprechende Apparate auf der Bühne, hinten dann schwarz-weiße Großaufnahmen von Paris. Und weil diese Bilder heute verblasst sind, sieht Barrie Kosky darin eine Analogie zur Vergänglichkeit, ebenso wie die weibliche Hauptfigur am Ende sterben wird.

Farce, Klamotte, Menschmassen

Die Bühne selbst ist die meiste Zeit fast leer: Boden und Rückwand abgeblättert. Im Maler- oder Fotoatelier macht Barrie Kosky das, was er gerne tut: Er lässt Farce spielen. Die vier Künstler hampeln, hetzen und trampeln durcheinander. Da ist es nicht mehr weit zur Klamotte: Bodenluke auf und wieder zu, ein hemmungsloser Aktionismus.

Das Weihnachtsbild mit seinem Trubel vor dem Café zeigt ein dichtes Gedränge, wahre Menschenmassen, die sich aneinander quetschen, dazu ein paar Straßenlaternen. Man hat den Eindruck, als ob man aus dem Fundus des Hauses Kostüme und Requisiten zusammengeklaubt hat. Das ist ein Markenzeichen von Barrie Kosky: Alle hüpfen und wuseln durcheinander, erstarren dann zu einem Standbild. Das Problem nur ist, dass man das von ihm schon zu oft gesehen hat. Fünf Minuten fasziniert es durchaus, aber dann wiederholt sich nur das allzu Bekannte – und langweilt.

Routine

Barrie Kosky ist seit sechseinhalb Jahren sehr erfolgreich an der Komischen Oper, aber nun scheint es sich ein wenig totzulaufen. Er macht einfach zu viel. Schließlich ist er auch noch Intendant des Hauses und hat garantiert genug administrative Aufgaben. Daneben ist er ständig unterwegs – wenn man liest, wo er überall in diesem Jahr auswärts inszeniert: Dijon, München, Paris, New York... Wie soll er da die Zeit haben, Inszenierungen richtig auszuarbeiten.

Auch in dieser "Bohème" gibt es ein paar Ideen, der Rest ist dann Routine, ebenso wie die Personenregie, die doch sehr oberflächlich daherkommt. Am Ende sitzt Mimì tot auf einem Stuhl im Atelier. Die anderen sind verschwunden, nur sie sitzt alleine im Lichtschein. Sicher: Im Tod ist man immer alleine, aber auch diese Idee hat man schon zu oft auf der Bühne gesehen.

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Durchschnitt

Darstellerisch versucht das Sänger*innenensemble nach gewohnter Manier, Leben in die Produktion zu bekommen. Sängerisch bleiben jedoch einige Wünsche offen. Für fast alle gilt: In der Höhe sind sie zu laut. Selten ist man bei einer "Bohème" einmal mit solch metallischer Härte angeschrien worden wie hier. Jonathan Tetelman als Rodolfo hat durchaus das Stimm-Material mit Kraft, Schmelz und Süffigkeit, aber man hätte gerne mal einen leisen Spitzenton von ihm gehört. Er dreht auf, wo er die Höhe erreicht, und das macht die Darstellung seiner Partie nicht glaubwürdiger.

Nadja Mchantaf, seit einiger Zeit fest im Ensemble der Komischen Oper, hat als "Mimì" ihr Rollendebüt gegeben. In dieser Partie ist sie noch ziemlich am Suchen. In der Mittellage kommt sie mitunter kaum über das Orchester, in der Höhe muss sie mit allzu kräftigem Vibrato nachhelfen – was besonders im Sterbeakt einigermaßen heikel ist. Einen bewegenden Moment hat sie am Schluss, wenn sie mit ihrer Stimme das Abnehmen ihrer Lebenskraft beglaubigen kann. Alles andere bleibt – wie das gesamte Ensemble – Durchschnitt.

Repertoirefähig

Auch das Orchester unter seinem Kapellmeister Jordan de Souza dominierte oft allzu sehr und überdeckte die Singstimmen. Der Dirigent schien sich nicht entscheiden zu können, ob er Schmelz, Wärme und Glut dieser Musik zelebrieren wollte – oder dies alles vermeiden. Dann hat er wieder das Tempo angezogen und alles mit gefühlten Handkantenschlägen zusammengehalten.

Irgendwie schienen alle vermeiden zu wollen, dass es zu rührselig wird, ohne aber eine echte Alternative zu haben. Repertoirefähig und brauchbar ist diese Neuproduktion sicher, aber die Komische Oper kann mehr als diese Routineproduktion, die komplett kalt lässt.

Andreas Göbel, kulturradio

Weitere Rezensionen

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Alexander Gnaedinger

Deutsche Symphonie-Orchester Berlin - Robin Ticciati

Es ist schon spannend, vermutliche eine Weltpremiere, wenn ein Orchester zu Anfang ohne Dirigenten improvisiert. Aufeinander hören muss man, oder sollte man ja sowieso. Natürlich ist es auch spannend, wer denn da so die Initiative für einzelne Melodien übernimmt und wie die Anderen das aufgreifen. Das Resultat war zwar erwartbar und man muss das nicht so oft hören, aber das Orchester könnte das ja als Teambuilding bei sich einführen!

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