Tanztage Berlin 2019: Forough Fami – "Nostalgia in Reverse"; © F. Afrouz
F. Afrouz
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Sophiensæle | Tanztage Berlin - Julia Rodríguez: "By The Time You See This It'll Be Gone" | Forough Fami: "Nostalgia in Reverse"

Filmfiguren wie Spione, Doppelagenten und Detektive sowie Figuren aus Computerspielen – das waren die Inspirationsquellen für zwei junge Berliner Choreografinnen. Gestern haben beide ihre Stücke bei den Tanztagen Berlin gezeigt, dem Festival für die jungen Tanzkünstlerinnen und -künstler Berlins.

Julia Rodríguez: "By The Time You See This It'll Be Gone"

Julia Rodriguez inszeniert ihre Agentenfiguren mit maximaler Reduktion und Verfremdung: Es gibt keine eindeutige Handlung, keine Musik, keine irgendwie identifizierbaren Figuren und kaum Bewegung.

Ihre drei Performer, zwei Frauen, ein Mann, stehen und sitzen zu Beginn wie unbeteiligt an der Seite der Bühne, die völlig leer und bis in den letzten schrundigen Winkel kalt ausgeleuchtet ist. Die drei schnalzen, gurren, zischen, brummen und pfeifen. Erst allmählich werden die Geräusche erkennbar als Geräusche der Nacht. Ein Hund bellt, ein Telefon klingelt, Sirenen, Schüsse, Schläge erklingen, da scheint ein Motorrad anzufahren, scheinen Autos eine Verfolgungsjagd hinzulegen, mehr geschieht erst einmal nicht.

Soundtrack unserer Phantasie

Die Geräuschkulisse bleibt, wenn die drei sich dann mit billigen Langhaarperücken auf dem Kopf auf die Bühne schieben, wenn sie mit dem Rücken zum Publikum stehen und sich an die Bühnenrückwand stellen und legen, so dass es aussieht, als würden sie eine Wand hochklettern und sich an einer Dachkante festklammern.

Währenddessen werden die Geräusche dramatischer, man hört Weinen, Schluchzen, Schreie des Entsetzens und der Angst – sie werden zum Soundtrack unserer Fantasie. Man fühlt sich an James Bond, Jason Bourne und Mission Impossible erinnert, nur dass die Action nicht zu sehen, nur zu hören ist.

Verstecken und Verbergen – Spiel mit Maskerade und Tarnung

Julia Rodriguez treibt das klassische Filmsujet des Versteckens und Verbergens auf die Spitze, spielt mit dem Thema des Geheimnisses, der Maskerade und Tarnung. So wie die Figuren nicht identifizierbar sind, ist es auch die Handlung nicht: Was geschieht hier? Wer ist Opfer, wer ist Täter? Sie entkernt damit gewissermaßen das Genre des Actionfilms: Die Nebengeräusche, die im Film Spannungen erzeugen, sind hier der Haupteffekt, alles ist Camouflage, Verschleierung. Und dadurch werden die Filmtricks und -mechanismen, an die wir mit unseren Seherfahrungen anknüpfen und die typischen stereotypen Filmfiguren, Agenten, Spione, Detektive, wie wir sie ständig gezeigt bekommen, enttarnt und offenbart.

Eine kluge, kurze Choreografie, mit schön hintersinnigem Humor, stringent und konsequent gebaut. Nur schade, dass die Camouflage zwar in die Performerkörper eingesickert ist, diese aber nicht in Bewegung gesetzt werden – das wäre noch mal spannend geworden – so bleibt es vorerst bei einer Art Studie, einem ersten Versuch.

Forough Fami: "Nostalgia in Reverse"

Forough Fami widmet sich ihren Computerspielfiguren auf ganz andere Weise, mit Mitteln der Identifikation. Sie und der exzellente Tänzer Michiyasu Furutani haben sich in Avatare verwandelt, in beinahe graphische, fast virtuelle Figuren. In einer Art Taucheranzug und mit silbernem Kapuzen-T-Shirt rucken sie langsam und steif als ungreifbare und unbegreifbare Wesen über die Bühne.

Ihre Körper sind komplett verkantet, wie schief und schräg zusammengebaut, in den Gelenken völlig steif – ihre Bewegungen wirken wie Versuche des Justierens, als wollten sie sich einrenken, eine natürliche, vielleicht harmonische Haltung und Bewegung finden – was ihnen allerdings nicht gelingt. Sie sind wie ruckende, stockende, technisch noch nicht ganz ausgereifte Computerspielfiguren.

Blicke auf das, was nicht zu sehen ist

Also auch hier eine Arbeit mit Verfremdung, im Sinne von etwas fremd werden lassen. Indem Forough Fami diese zwei Wesen wie aus der digitalen Welt entsprungene grafische Körper, indem sie ihre verzerrten Bewegungen zeigt, lenkt sie den Blick auf das, was nicht zu sehen ist: natürliche, organische Bewegung.

Fami lenkt den Blick auf die Frage, was wir als angemessen, richtig und normal empfinden und was als fremd, störend und unheimlich und vielleicht beängstigend – zur Ausgrenzung ist es dann leider nur noch ein kleiner Schritt. Und sie lenkt den Blick auf das, was uns Menschen auch ausmacht und was hier nicht geschieht: Nähe, Gemeinsamkeit, Intimität oder auch nur Kontakt – das können diese beiden Avatar-Figuren nicht erzeugen.

Zwei respektable, recht ausgefallen originelle Choreografien, präzise gedacht und gebaut und mit schön schrägem Blick auf unsere Welt – zwei Ideen-Entwürfe junger Choreografinnen, aus denen sich noch einiges entwickeln ließe.

Frank Schmid, kulturradio

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