Elsa Dreisig (als Natascha), Martina Gedeck (als Tanja), Gyula Orendt (als Jan) und Anna Prohaska (als Silvia), v.l., während der Fotoprobe zu "Violetter Schnee" in der Staatsoper Unter den Linden © imago stock&people
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Staatsoper Unter den Linden - "Violetter Schnee"

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Ein Kommentar zur aktuellen Wetterlage ist "Violetter Schnee" nicht. Leicht lila schimmert der Schnee hier vielmehr in finaler Färbung kurz vorm Verglühen.

Es ist die Auslöschung eines Grüppchens von fünf Menschen, welche dieses Endzeitdrama beschreibt, dem wir 1 ¾ Stunden lang beiwohnen. Violett? Eine apokalyptische Form des Alpenglühens, aber man muss schon sehr genau hinschauen, um die Rötung bei einem Regisseur wie Claus Guth entdecken zu können.

So einfach macht Guth es sich nicht (oder uns). Dies wäre nun, mit Anstand beklatscht, die intellektuelle Version von Einfrierung und Verglühung, Eis und Heiß. Die avantgardistische Variante von Vanilleeis mit heißen Kirschen. Man ahnt: Letzte Zweifel bestehen bei mir fort.

"Violetter Schnee" in der Staatsoper mit Martina Gedeck © imago stock&people
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Claus Guth gehört zu den wenigen Opernregisseuren, die selbst abstrakteste Handlungen in einen konkreten Rahmen rückübersetzen. Gute Sache! Hier konterkariert er das unterirdische Bangen der Eingeschlossenen mit dem Gemälde "Die Jäger im Schnee" von Pieter Brueghel, das im Kunsthistorischen Museum Wien hängt.

Genau dort sitzt Martina Gedeck vor dem Jahreszeiten-Bild. Ihre Beschreibung der durch Schnee stapfenden, heimkehrenden Jäger über der Stadt klappt um in das ganze, bedrückende Szenario auf der Bühne. Der Bunker dann, in dem die fünf sitzen, gleich einem im Prarie Style eingerichteten Kaminzimmer eines Filmes von David Lynch. Wie immer, könnte man sagen, gelten doch Guths meiste Arbeiten als Spin-offs aus dem Œuvre des amerikanischen Regisseurs.

Visionäres Tongestöber

Beat Furrer kennen wir in Berlin vor allem durch sein "Wüstenbuch", das vor Jahren von Christoph Marthaler bei den Berliner Festspielen inszeniert wurde (bzw. in Basel, von wo es eingeladen war). Schon damals stammte der Text von Händl Klaus.

In "Violetter Schnee" komponiert Furrer ein teilweise visionäres Tongestöber mit fettem Bläsersatz und ordentlicher Schlagzeugbatterie. Wobei konvulsivische Schüttbewegungen immer wieder zu harmonischen, hymnischen Clustern zusammenschießen. Durchaus anhörbar! Aber auch hier, ich kann mir nicht helfen: Angelo Badalamenti lässt grüßen! (Das war der Komponist von "Twin Peaks".) Gewohnte Kunstgefilde.

Elsa Dreisig wollte ihre Rolle zuerst zurückgeben. Umgeben ist sie indes von hochspezialisierten Sängern wie Georg Nigl und Otto Katzameier, die das Ganze mit einer Selbstverständlichkeit singen, als sei's Puccini. Anna Prohaska bringt sogar das Kunststück fertig, richtig klangschön rüberzukommen. Super Leute!, was selbstverständlich auch für Martina Gedeck als "Erzählerin" gilt. Leider hat sich ihr S-Fehler mit den Jahren verschärft. "Der nathe Hathe fritht dath Grath ...": Es sind komödiantische Spitzen innerhalb des arrangierten Unheils.

Anheimelnde Gestrigkeit

Die hochprofessionelle Verarztung – Dirigent Matthias Pintscher ist wohl noch berühmter als der Komponist – hilft uns über den Abend. Nur dass die Endspiel-Maschinerie mit Giganto-Versenkung, Hubpodien- und Video-Budenzauber leider so gehölt abschnurrt, dass es dem Grauen schon wieder den Garaus macht.

Insgesamt geht man einem Sujet von anheimelnder Gestrigkeit auf den Leim. Angesiedelt irgendwo zwischen Nabokovs "Pol" und Becketts "Endspiel" (und wie alt ist das schon wieder!), ist die Apokalypse ein zu wohlfeiles Klischee – direkt von der Resterampe der Moderne. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, gehen wir halt unter.

Dieser Schnee lässt mich kalt.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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