Komische Oper | Staatsballett Berlin: Half Life © Jubal Battisti
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Komische Oper - Staatsballett Berlin: "Van Dijk/Eyal"

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Das Berliner Staatsballett kommt in die entscheidende Phase der ersten Saison unter den neuen Intendanten Johannes Öhmann und ab Herbst auch Sasha Waltz. Zwei Premieren werden jetzt, im Februar und im März gezeigt – Klassisches Ballett und Moderne.

Gestern war in der Komischen Oper Berlin mit "Van Dijk / Eyal" die erste zu erleben und das unter anderem mit einer Uraufführung, der ersten für das neue Staatsballett.

Komische Oper | Staatsballett Berlin: Half Life © Jubal Battisti
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Sharon Eyal: "Half Life" – technoides Automaten-Androiden-Ballett

Wobei eine der beiden Choreografien des neuen Doppelabends, "Half Life" von Sharon Eyal und Gai Behar, schon Anfang September bei der Saison-Eröffnung des Staatsballetts Premiere hatte. Insofern ist dieser Doppelabend eine kleine Mogelpackung, aber das macht in diesem Fall nichts, denn diese Choreografie muss man gesehen haben.

Dieses Automaten-Ballett, diesen technoiden Tanz der Androiden oder Cyborgs oder androgynen Avatare zu deftig wummernder Techno-Musik. Das Publikum hat wieder mit minutenlangem Jubel und Standing Ovations reagiert und tatsächlich wirken die Staatsballett-Tänzer jetzt noch härter in der eisigen Strenge, noch lasziver in der untergründigen Erotik und noch bedrohlicher als uniforme Masse, die monoton, in maximal reduzierten Bewegungen zuckelt, ruckelt und trippelt. Dieses exzessive Stück, das zu Rausch-Zuständen führen kann, ist ikonographisch für Eyal und Behar, ist ein Meilenstein für das Staatsballett und kann insofern ruhig häufiger auf den Spielplan.

Komische Oper | Staatsballett Berlin: Distant Matter © Jubal Battisti
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Uraufführung Anouk van Dijk: "Distant Matter" – ein Traumgespinst

"Distant Matter", die erste Uraufführung des Staatsballetts unter neuer Leitung, das Stück der niederländischen Choreografin Anouk van Dijk ist hingegen eine Art Traumgespinst, ein Traumgeflecht mit Tänzerinnen und Tänzern in schwarzen Lack- und Leder-Kostümen in SM-Anmutung, wie Berghain-Grazien, wie dem Club-Nachtleben entsprungen. Anfangs mit Netzmasken vor dem Gesicht, Motorradhelm auf dem Kopf, mit Sonnenbrille und Basecap, ein Mann im knöchellangen schwarzen Kleid, alle später nur noch in knappen Dessous – die Schauwerte sind also hoch, zumal sie zu Beginn wie auf einem Laufsteg betont sexy auf das Publikum zu stolzieren.

Ein irritierender Beginn mit Tänzern, die zugleich unnahbar kühl wirken und wie zerrissen von den unter der coolen Oberfläche sorgsam verborgenen Sehnsüchten.

Intensiv-Zustände an der Schnittstelle von Intimität und Abgrenzung

Anouk van Dijk, einige erinnern sich vielleicht an ihre gemeinsamen Schaubühnen-Produktionen mit Falk Richter, "Nothings Hurts" war vor fast 20 Jahren zum Theatertreffen eingeladen, Anouk van Dijk hat Intensiv-Zustände choreografiert, immer an der Schnittstelle von Intimität und Abgrenzung – Paare und Gruppen, die sich in schnell vorübergehenden Konstellationen treffen, einige Momente miteinander teilen, dann wieder auseinanderdriften und ansonsten oft solistisch vereinsamen.

Wobei ein konkretes Thema sich nicht ausmachen lässt, die Choreografie in einer enigmatischen Ungreifbarkeit verbleibt, in ihrer eigenen, etwas absonderlichen Realität.
Der Tanz zur Musik des Australiers Jethro Woodward, ein elektronischer Soundtrack aus pulsierenden, rhythmisch pochenden Einzelklängen, einzelnen Klangtröpfchen, die von tiefen Bässen untermalt zu weiten Klangflächen ausfließen, dieser Tanz will keine Handlung erzählen sondern Stimmungen und Situationen kreieren, die zwischen Ordnung und Chaos changieren, zwischen Zwang und Freiheit.

Komische Oper | Staatsballett Berlin: Distant Matter © Jubal Battisti
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Anouk van Dijks Tanztechnik – die Counter-Technik

Anouk van Dijk folgt dabei ihrer eigenen Tanztechnik, der Countertechnik, die sie seit Jahrzehnten entwickelt, entstanden aus dem Wunsch, wie sie sagt, die eigene Tänzerinnen-Karriere zu überleben. Sie bringt dabei, vereinfacht gesagt, die Körper in Balancen, in dem sie jeder Bewegung eine genau entgegengesetzte hinzufügt - einzelne Körperteile streben also in entgegengesetzte Richtungen und die zentralen Körperachsen, v.a. die vertikale werden aufgelöst.

Das ergibt völlig neue Spielarten der Körperlichkeit, des in den Raum-Wachsens der Körper, die faszinierend dehnbar werden, gummigelenkig sozusagen und die Staatsballett-Tänzer zeigen das in frappierender Weise.

Die Körper dehnen sich aus und verwinden, verwinkeln, verknoten sich, schlingern und mäandern, ergeben vieleckig-scharfkantige Silhouetten und das ist höchst attraktiv, da die Bewegungen immer auch sehr exaltiert und expressiv vorgeführt werden.

Alles ist auf schillernd spektakuläre Weise stylish, allerdings bleibt diese Choreografie rätselhaft, eine unnahbar monströse Eigenwelt von teilweise surrealer Eigentümlichkeit.

Faszinierender Doppelabend gegensätzlicher Körperlichkeiten

Diese beiden Choreografien mit ihren gegensätzlichen Körperlichkeiten und Bewegungstechniken zu verbinden, das fast brutal-harte und direkte technoide Automaten-Tanz-Stück von Sharon Eyal und das ins Weiche und Ferne strebende, Balancen suchende Stück von Anouk van Dijk ist eine bestechende Idee. Ein glänzender Abend des Staatsballetts – diesmal wieder mit zwei radikal modernen Stücken.

In zwei Wochen geht es dann mit der Rekonstruktion eines der großen klassischen Ballette weiter, mit "La Sylphide". Johannes Öhmanns riskanter Spielplan der ersten Saison, der wagemutige Parcours zwischen Moderne und Klassik, erlebt also in diesen Wochen seinen Höhepunkt – bis jetzt funktioniert das hervorragend.

Frank Schmid, kulturradio

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