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Konzerthaus Berlin - Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Leif Ove Andsnes

Bewertung:

Eine Stunde lang will der Funke nicht überspringen. Dann aber spielt der Solist Leif Ove Andsnes eine faszinierende Zugabe – und nach der Pause gelingt dem RSB eine Interpretation der "Alpensinfonie" von Richard Strauss auf Spitzenniveau.

Spät kommt er, aber er kommt: Leif Ove Andsnes hat sein Debüt beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gegeben. Und bald geht es auch schon gemeinsam auf Japan-Tournee. Dort wird Andsnes das erste Klavierkonzert von Johannes Brahms spielen. Hier in Berlin gab es Mozarts KV 467. Warum? Mozart hat das wie seine meisten Klavierkonzerte zum eigenen Gebrauch geschrieben. Es ist repräsentativ, virtuos – aber weit mehr als das.

Nicht jedoch bei Leif Ove Andsnes. So wie er beim Betreten der Bühne noch einmal leicht seinen Anzug gerichtet hat, spielte er auch Mozart: sauber, ordentlich, gewissenhaft. Das war fast schon klischeeartig der heitere Mozart. Technisch hat Andsnes alles zuverlässig in die Tasten gehämmert – aber wo bleib die Seele der Musik? Wo die Abgründe, die es bei Mozart fast immer gibt? Da war nichts, das war nett – und uninteressant.

Mompou nach Mozart

Während man bei diesem Mozart-Klavierkonzert nicht den Eindruck hatte, als ob das Leif Ove Andsnes sonderlich belasten würde, bekam man bei der Zugabe ganz plötzlich auch den Gestalter geboten. Andsnes spielte einen Satz aus dem frühen Klavierzyklus "Suburbis" des Katalanen Federico Mompou: frühes 20. Jahrhundert, ein bisschen impressionistisch, ein wenig Folklore.

Da schien es, als würde ein anderer Pianist am Flügel sitzen. Kein schwarz-weiß mehr, dafür die schönsten Klangfarben. Ein Zauberer, der die Töne funkeln und glitzern und Funken sprühen lassen kann. Diese wenigen faszinierenden Minuten ließen eine halbe Stunde langweilig gespielten Mozart vergessen.

Piepsen, Schnattern, Naturkitsch

Bei einem Konzert unter dem Motto "Vogelstimmen und Bergeshöhen" ist es nicht überraschend, auf Einojuhani Rautavaaras "Cantus Arcticus" zu treffen. Ein Konzert für Vogelstimmen und Orchester, und genau das gibt hier: originale Vogelstimmen von Lerchen, Kranichen und Singschwänen, dazu Imitationen durch das Orchester. Komponiert Anfang der 1970er-Jahre, war es damals noch ein ganz anderer Effekt, mit Zuspiel zu arbeiten.

Heute, im Zeitalter digitaler elektronischer Möglichkeiten, wirkt das auf liebenswürdige Weise altmodisch – und sogar naiv, wenn es vom Zuspiel zu piepsen und schnattern anfängt und plötzlich die Posaune ähnliches beisteuert. Das alles mischt sich und verändert sich dann nicht mehr substanziell. Dazu kommt etwas neoromantische Atmosphäre, in der Summe Pseudo-Naturkitsch. Das Rundfunk-Sinfonieorchester hat das beste daraus gemacht, aber auch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass längst die Zeit über dieses Stück hinweggegangen ist.

Natur, Freiheit, Gigantomanie

Da bietet sich als Gegenstück die "Alpensinfonie" von Richard Strauss an. Dabei hat dieses Werk mehrere Seiten: Auch hier gibt es Naturschilderungen: Vogelstimmen, Kuhglocken, Wind, Regen, Donner… Die Natur steht hier jedoch auch für eine Form von Freiheit, für Pantheimus, die Abkehr von Religion, die freie Kraft des Menschen. Nietzsches "Antichrist" stand Pate.

Und es ist ein typischer Richard Strauss: ein gigantisch besetztes Orchester, weit über einhundert Musiker auf der Bühne. Da hat das Podium im Konzerthaus gerade einmal so ausgereicht. Die Nähe zur Schießbude ist in den Tondichtungen des Komponisten immer gegeben.

Tiefer Ernst

Umso mehr beeindruckte die Interpretation von Vladimir Jurowski. Da war von Schießbude nichts mehr zu bemerken – er näherte sich dem Werk aus einem tiefen Ernst heraus. Natürlich waren die Effekte vorhanden; er hat sie jedoch in die zweite Reihe verbannt. Die ganzen fünfzig Minuten standen die melodischen Themen im Vordergrund. Das war eine große Linie, die sich durch alles hindurchgezogen hat. Eine gut angeseilte Bergbesteigung.

Sicher gab es auch hier die unglaubliche Lautstärke, für die das Konzerthaus ganz einfach ungeeignet ist. Aber das hat plötzlich nicht mehr gestört. Der Orchesterklang war hier so klar wie der Ausblick vom Bergesgipfel. Und in diesem Klanggetümmel so souverän den Überblick zu behalten, war ein weiterer Beweis für die Qualität des RSB und die grandiose Zusammenarbeit mit ihrem Chefdirigenten.

Andreas Göbel, kulturradio

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