Luca Pisaroni, Bassbariton; © Jiyang Chen
Jiyang Chen
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Pierre Boulez Saal - Luca Pisaroni & Malcolm Martineau: Schubert-Lieder

Bewertung:

Der erste Teil ist nahezu indiskutabel – aber dann steigert sich Luca Pisaroni zu einem faszinierenden Liedgestalter und beleuchtet Schuberts Lieder aus bisweilen unerwarteter Perspektive.

Der italienische Bassbariton Luca Pisaroni ist mit der Interpretation von Mozarts Opernpartien bekannt geworden. Barock und Klassik sind sein angestammtes Terrain – nicht die schlechteste Voraussetzung für die Lieder von Franz Schubert. Vielleicht weniger romantisches Pathos als Leichtigkeit und Klarheit. Als Schubert-Sänger scheint man ihn hier allerdings weniger zu kennen. Der Pierre Boulez Saal war gerade einmal zu zwei Dritteln gefüllt.

Im ersten Teil hat Luca Pisaroni zu kämpfen. Unschlüssig steht er hinter seinem Notenständer und findet keinen Zugang. Er versucht sich in die Melodien einzufinden, und dennoch wirkt alles gleich. Da müsste eine Intimität gestaltet werden, Rückzug ins Private, Weltschmerz und Melancholie, und dann auch noch eine zweite Ebene, die andeutet, dass es hinter der naiven Oberfläche brodelt in unterdrückter Unzufriedenheit. Aber so weit kommt Pisaroni gar nicht in seiner Darbietung.

Nach der Pause wird es besser

Am Beginn wirkt Luca Pisaroni richtiggehend indisponiert. Keine freie Stimme, merkwürdig belegt. Jedes Lied wirkt gleich unpersönlich. Allein am Ende des ersten Teils in einer grandiosen Sterbeszene eines Totengräbers läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Aber das ist nur ein vorübergehendes Aufblitzen einer ansonsten indiskutablen Hälfte.

In vier Liedern auf italienische Texte findet Luca Pisaroni dann im zweiten Teil zu sich selbst. Da fängt er an zu zaubern, bringt auch tatsächlich das Spiel mit Emotionen ein. Wenn er eine Arie singt, in der jemand erklärt, seine Frau nur aus Geldgründen geheiratet zu haben – das macht schließlich doch jeder so – staunt man zunächst über Schubert als Komponisten einer Buffa-Arie. Und vor allem über einen Sänger, der wie ausgetauscht wirkt und plötzlich zwischen Stimme und Text einen Bezug herstellt. Großartig.

Goethe-Lieder

Am Ende, vor der zweiten Zugabe, sagte Luca Pisaroni, für einen italienischen Sänger sei das Singen deutscher Lieder in Deutschland wie für einen deutschen Sänger, der in der "Tosca" in Mailand auftreten müsse. Klar muss sich Pisaroni mit der Konsonantenhäufung in der deutschen Sprache herumärgern – aber bei seiner Interpretation von einigen Goethe-Vertonungen Schuberts spielt das überhaupt keine Rolle mehr. Da ist dann jedes Wort gestaltet und die Stimmung getroffen.

Alles wirkt plötzlich verständlich und empfunden: die Liebe in all ihren Facetten, der traurige verlassene Schäfer, der Fühling als Symbol neuer Liebe. Auch ein mahnender Text, der Mensch solle sich nicht zum Gott aufschwingen, das geht garantiert schief. Das ist alles so lebendig und kurzweilig, witzig und augenzwinkernd. Warum nicht schon vor der Pause so?!

Der Erlkönig

Am Schluss steht eines der schwersten Lieder von Schubert: der "Erlkönig". Ein Sänger – und vier Rollen: der Erzähler, der besorgte und beschwichtigende Vater, der Sohn im Fieberwahn und der Erlkönig, zunächst verführerisch, dann gewalttätig. Das alles mit tödlichem Ende.

Luca Pisaroni hat da seinen eigenen Kopf. Er setzt gar nicht so sehr auf verteilte Rollen. Er ist vielmehr immer als Erzähler vorhanden, der einfach an der Geschichte dranbleibt. Ein bisschen unterkühlt und lakonisch mit der Botschaft: Natürlich geht das böse aus, was habt ihr denn erwartet?! Hier zeigte sich Luca Pisaroni als großartiger Gestalter. Eine Meisterleistung.

Malcolm Martineau, Pianist; © Alessandro Moggi
Bild: Alessandro Moggi

Das Klavier im "Erlkönig"

Musste Malcolm Martineau, der den Abend begleitete, im ersten Teil Luca Pisaroni stützen und konnte kaum ein eigenes Profil herausarbeiten, gewann auch er mit der zunehmenden Sicherheit des Sängers einen ganz eigenen Farbenreichtum. Da fiel plötzlich auf, dass da auch noch jemand am Flügel sitzt. Er sorgte für die typische Schubert-Stimmung: eine ständige Unruhe – oder der Blick ins Grab.

Eigentlich ist der "Erlkönig" für den Pianisten noch weit schwerer als für den Sänger. Das Lied hat eine der ekelhaftesten Begleitungen überhaupt. Nicht einmal Schubert selbst, so ist überliefert, war in der Lage, das zu spielen, dieses hämmernde Galoppieren des Pferdes. Malcolm Martineau denkt die Katastrophe am Ende des Liedes von Anfang an mit, aufbrausend und abgehetzt. Ein pures Vergnügen und ein Beleg, dass er einer der besten Klavierbegleiter überhaupt ist.

Wäre man erst zur Pause gekommen, wäre das einer der bewegendsten Liederabende der letzten Zeit gewesen.

Andreas Göbel, kulturradio

Weitere Rezensionen

Robin Ticciati; Foto: Alexander Gnaedinger
Alexander Gnaedinger

Deutsche Symphonie-Orchester Berlin - Robin Ticciati

Es ist schon spannend, vermutliche eine Weltpremiere, wenn ein Orchester zu Anfang ohne Dirigenten improvisiert. Aufeinander hören muss man, oder sollte man ja sowieso. Natürlich ist es auch spannend, wer denn da so die Initiative für einzelne Melodien übernimmt und wie die Anderen das aufgreifen. Das Resultat war zwar erwartbar und man muss das nicht so oft hören, aber das Orchester könnte das ja als Teambuilding bei sich einführen!

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