Szenenfoto (v.l.): Mirjam Miesterfeldt (Stella) und Lena Kutzner (Frau Luna) @ Staatstheater Cottbus
Marlies Kross
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Operette - Staatstheater Cottbus: "Frau Luna"

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Frau Luna – das ist der Berliner Operettenklassiker schlechthin. Aus diesem Werk stammen sprichwörtliche Hits wie "Schenk mir doch ein kleines bißchen Liebe" und "Das ist die Berliner Luft." Am Samstag hat sich das Staatstheater Cottbus an eine Neuinszenierung gewagt.

Szenenfoto @ Staatstheater Cottbus
Bild: Marlies Kross

Obwohl die Operette so viele Hits hat, wird sie relativ selten inszeniert. Nicht ohne Grund. Ihre Wurzeln liegen in der Berliner Lokal-Posse und der Berliner Revue, und das sind musikdramatische Formen, die uns heute nicht mehr so viel sagen, denn die Witze sind recht schal geworden, und eine Revue kann keine plausible Handlung bieten, sondern reiht eigentlich nur eine Musik- und Tanznummer an die andere. Wenn das heute noch funktionieren soll, muss man sich richtig was Tolles einfallen lassen.

Der Regie tat wenig, um die Klamotte zu entstauben. Man hat hier auf die DDR-Scheidereid-Fassung zurückgegriffen, die zwar musikalisch am Lincke wenig herumdoktert, aber versucht, den gigantischen Personenaufwand der Revue dadurch zu reduzieren, in dem sie verschiedene Personen zu einer zusammenlegt. Das heißt, der Ingenieur Fritz Steppke, der uns in seiner armen Berliner Mietwohnung gezeigt wird, träumt nur, dass er mit seinen Freunden zum Mond fliegt, und die Gestalten aus seinem Berliner Leben tauchen auf dem Mond wieder auf.

Sehr brave Regie

Kein schlechter Einfall, aber im Detail merkt man, dass das alles sehr altbacken geraten ist. Zuweilen sogar altbackener als im Original. Ulkte man 1899 noch angesichts der Jahrhundertwende-Weltuntergangs-Furcht "Ist die Welt auch noch so schön/einmal muß sie untergehn", wurde selbst dieses bisschen schwarzer Humor hier in "Diese Welt ist doch so schön/und sie wird nicht untergehn!" umgelogen. Wehte hier der DDR-Geist hinein oder der von Linckes später Fassung von 1940? In beiden waren Weltuntergänge obsolet.

Dramaturgie und Regie zeigten jedenfalls wenig Interesse an den satirischen Aspekten der Urfassung. Die sehr brave, deskriptive Regie von Steffen Piontek war diesmal wesentlich schwächer als das Werk seines Ausstatters Mike Hahne. Bühnenbild und Kostüme gaben sich traditionell mit einem Touch Extravaganz und leichter Verrücktheit, für mich genau richtig.

Silberne Mondwesen, ein sehr schöner steam-punkiger Zeppelin im Hintergrund. Das Bühnenbild versinkt nicht in Kitsch und Pomp und bleibt immer von fast brechtscher Übersichtlichkeit. Doch in dieser Form hat die Operette etwas rückwärtsgewandt-spukhaftes, und während der rhythmisch beklatschten Berliner Luft erfasste mich ein solches Grauen vor der Wilhelminischen Ära in ihrer militaristischen Fröhlichkeit, dass ich der Produktion fast schon wieder dankbar bin für diese Schock-Lektion in Sachen Geschichte.

Makellose Ensemble-Leistung

Doch ich will nicht ungerecht sein. Steffen Piontek – natürlich kann der was. Nur den besten Magiern gelingt ein veritabler Spuk. Man kann dieser "Luna" viel vorwerfen – stilsicher ist sie, das walte Gott. Man hat die verrückte Inszenierung im Tipi sehr bewundert, aber auch kritisiert, dass der Berliner Dialekt dort schaurig falsch klingt. Das kann Ihnen in Cottbus nicht passieren. In dieser "Frau Luna" war die Diktion haarsträubend perfekt. Es heißt ja auch zu Recht, das beste Berlinerisch spricht man direkt vor den Toren Berlins.

Auch das Orchester unter Christian Möbius klang genauso preußisch-zackig, wie man es von Lincke erwartet, und unter den Solisten war kein einziger, der seine Sache nicht gut gemacht hätte.

Herausheben möchte ich Carola Fischer als Vermieterin Frau Pusebach, von jeher eine gute Komödiantin des Hauses und hier wirklich überzeugend herumpolternd, und die Frau Luna selbst, Lena Kutzner. Ein wunderbarer Sopran, mondsilbrig wie die Ausstattung. Vielleicht in Erscheinung und Auftreten nicht ganz so ätherisch, wie man sich eine Mondgöttin vorstellt, aber das geht schon in Ordnung, es ist ja eine Berliner Posse, und nichts spricht gegen eine Göttin von der Panke. Und Nils Stäfe verdient einen Extra-Orden als tapfer sächselndes Schneiderlein inmitten preußischer Übermacht.

Matthias Käther, kulturradio

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