Deutsche Oper Berlin: Der Zwerg © Monika Ritterhaus
Bild: Monika Ritterhaus

Deutsche Oper Berlin - "Der Zwerg"

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Ein Außenseiter, der nicht um seine Außergewöhnlichkeit weiß, verliebt sich in eine Prinzessin. Klingt nach einem Märchen, endet aber tödlich. Den tragischen Stoff hat Alexander von Zemlinsky zu einer Oper gemacht.

Zemlinskys "Zwerg", das ist musikalischer Jugendstil. Wiener Jugendstil! Nicht kitschig, trotzdem tonal. Nicht dekorativ, sondern erstaunlich sperrig. Tonal fiel auch die Publikumsreaktion gegenüber Regisseur Tobias Kratzer aus; was an der erfrischenden Kino-Kürze seines Abends liegen mag. Von den Wonnen der Publikumsgunst fühlte sich der Regisseur dermaßen umspült, dass er schon begonnen hatte, die Damen des Chors einzeln abzuküssen, als sich der Vorhang begütigend schloss.

Szenisch mühsam

Den 75-Minüter für sich stehen zu lassen (früher wurde er gern im Doppel mit der "Florentinischen Tragödie" gespielt), ist nicht falsch. Mit der unterstellten Hässlichkeit des titelgebenden Zwerges ist das Werk immerhin doppelt unmöglich und politisch anstößig. Warum Kratzer den Kleinwüchsigen, der einer Infantin zum Geburtstag geschenkt wird, als einen Dirigenten des Festorchesters ausgibt, habe ich nicht einmal verstanden.

(Wenn damit Zemlinsky selber gemeint ist, so wie im Prolog angedeutet, so scheint mir das viel zu dezent gehandhabt, um schlichten Gemütern wie mir rechtzeitig genug aufzufallen ...) Dass dem Hauptdarsteller ein Sänger zur Seite gegeben wird, der die Rolle von der Rampe aus singt, ist szenisch mühsam.

Deutsche Oper Berlin: Der Zwerg © Monika Ritterhaus
Bild: Monika Ritterhaus

Zu harmlos

Dagegen macht der Regisseur nicht zureichend klar, dass die Titelfigur, die sich selber gar nicht hässlich findet, erst von der Gesellschaft dazu gemacht wird. Mit dem Schein seiner eigenen Wahrheit lebt er besser als mit der Ausgrenzung scheinbarer Objektivität. Genau dafür, dass der Zwerg gut, der Hofstaat aber böse ist, bekomme ich im blütenweißen Bühnenbild mit limonadenfarbigen Kostümen nichts angeboten. Damit ist die Inszenierung zu harmlos und nichtssagend für ein radikales Stück, das uns weit mehr zu sagen hätte.

Deutsche Oper Berlin: Der Zwerg © Monika Ritterhaus
Bild: Monika Ritterhaus

Ein kleiner Coup

Wie zumeist an der Deutschen Oper, sind die Sänger überaus verlässlich. Freilich, Elena Tsallagova als quietschvergnügte, gelegentlich quietschvergrellte Infantin ahnt vom Zynismus ihrer Figur wenig. David Butt Philip in der großen Rolle des Zwerges ist ein typischer Jugendstil-Tenor: verschlankt, aber auch leicht versteift in der Lyrik; jedenfalls gut besetzt. Ein kleiner Coup gelingt der Aufführung mit Emily Magee, einer nicht unbedeutenden Strauss- und Wagner-Sängerin der letzten Jahrzehnte, als Zofe Ghita.

Wohin damit?

Die vorgeschaltete "Begleitmusik zu einer Lichtspielszene" von Arnold Schönberg – klangtrüb und eher ungeschliffen dirigiert von Donald Runnicles – rekurriert auf die bekannten biografischen Umstände, dass Zemlinsky, hier am Klavier in einem Gründerzeitsalon zu sehen, der späteren Alma Mahler-Werfel Klavierunterricht gab. Was eine Affäre nach sich zog (wie immer bei Alma). Damit wird die – naheliegende, zugleich reichlich triviale – Behauptung aufgestellt, Zemlinsky habe sich mit dem Zwerg selbst gemeint.

Als Statement bleibt die Aufführung weit hinter dem zurück, was dieses Stück enthält. Wenn es ein Auftakt zu einem Zyklus wäre, würde ich es mir noch gefallen lassen; das ist aber (wenn man die gerade veröffentlichten Pläne des Hauses ansieht) nicht der Fall. So wie er ist, macht sich der Abend so klein, dass ich nicht weiß wohin damit.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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