cie. toula limnaios: shifted realities
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HalleTanzbühne Berlin - cie. toula limnaios: shifted realities

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Mit dem Stück "shifted realities" eröffnete cie.toula limnaios gestern die aktuelle Tanzsaison. In dem Doppel-Solo standen die Choreografin und Ensemble-Namensgeberin Toula Limnaios und ihr langjähriger Tänzer Hironori Sugata auf der Bühne.

Die Choreographin Toula Limnaios ist Berlins Spezialistin für traumwandlerischen Tanz, für poetische Bilder und eine Art magischen Realismus. Mit ihrem Tanz wolle sie die Zuschauer vor allem berühren, hat sie einmal gesagt. Gestern hatte die neue Choreographie von Toula Limnaios "shifted realities", also versetzte, verschobene Realitäten Premiere in ihrer Spielstätte, der Halle Tanzbühne in Prenzlauerberg und zum ersten Mal seit etlichen Jahren war sie auch selbst wieder auf der Bühne zu erleben.

Ein Rätselwerk

Wie so oft, ist auch diese Choreographie von Toula Limnaios ein Rätselwerk, das viele Fragen aufwirft: spricht sie da gerade mit einem großen Lampenschirm auf dem Kopf japanisch, die Sprache ihres Duo-Partners Hironori Sugata? Schwelgt sie in Kindheits-Erinnerungen, wenn sie unter Kopfhörern einen alten, tragisch-schönen griechischen Schlager singt, laut und schräg, ohne Melodie, aber voller Inbrunst? Und warum zimmert Sugata mit Lärm und Mühe einen großen Holzrahmen, der dann lange unbeachtet im Raum stehen bleibt?

Und ganz zentral die Frage: was verbindet die beiden auf der Bühne? Die schmale, kleine zarte Toula Limnaios, Mitte 50 und den kantigen Hironori Sugata, Anfang 50, seit langem in ihrer Compagnie, immer einer der auffälligsten, ein Tänzer für die besonderen Momente, ein Fremdgänger, ein Irrlicht, immer zugleich anwesend und abwesend, mit undurchdringlichem Gesichtsausdruck?

Experiment Doppel-Solo – paradoxe Choreographie

Toula Limnaios ist mit diesem Doppel-Solo, wie sie dieses Stück nennt, ein Experiment eingegangen – zwei enorm präsenzstarke Künstler tanzen solistisch nebeneinander und bilden dennoch ein Duo. Beide sind unabhängig voneinander, bewegen sich selten parallel oder gar synchron, ihre Laufwege überschneiden sich nicht, es gibt keinen direkten Kontakt und dennoch wirken sie nicht isoliert, sondern in einer Art Verbundenheit. Dies ist ein Duo ohne körperliche Berührung. Sie teilen denselben Bühnenraum, bewegen sich aber jeweils in ihren eigenen Räumen und Welten – allein und doch vereint, fern voneinander und doch gemeinsam – das ist das Paradoxe dieser Choreographie.

Bühnen-Séparée mit Außenbahnen

Auch der Bühnenraum spiegelt diesen paradoxen Ansatz, es ist ein Raum, der Innen und Außen definiert. Im Zentrum der Bühne gibt es eine Art Séparée, feinsilbrig glänzende Stoffbahnen bilden einen Innenraum mit schmalen Durchlässen und mit Stehlampe und Hocker, drum herum sind die Außenbahnen, auf denen sich der eine bewegt, wenn die andere drinnen ist und umgekehrt. Da die Stoffbahnen blickdurchlässig sind, gehören jedoch auch dieses Innen und Außen zusammen. Auch hier findet sich das Thema der Choreographie – getrennte Welten, die zueinander gehören, einander durchdringen.

Musik - Soundcollage

Ein Thema, das sich auch in der Musik von Ralf Ollertz, Hauskomponist und Partner von Toula Limnaios widerspiegelt. Er hat erneut einen vielschichtigen Sound gemixt, zusammengesetzt aus griechischen und brasilianischen Schlagern, von arabischer Musik beeinflusster Weltmusik. Radio- und Fernseh-Stimmen bringen das Rauschen der Welt und unter Antonio Vivaldis Motetten, etwa der über das Weinen der Töchter Jerusalems. Über das Leiden Christi liegen deftigen Beats. Ein Soundtrack, der Banales und Sentimentales, lebensfrohen Schlager-Pop und barocke Pracht, Trauer und Schönklang verbindet – immer den Szenen entsprechend, aufwühlend oder beruhigend, komisch oder bedrückend.

cie. toula limnaios: shifted realities
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Tanz der Verwerfungen und Unbehaustheit

Dazu tanzen Toula Limnaios und Hironori Sugata mit in den Raum schnellenden Bewegungen, Arme und Beine wie fortgeschleudert, ein Tanz der rasanten Kehrtwendungen, plötzlichen Drehungen auf einer Ferse, ein Tanz der Verschlingungen und Verwindungen im Körper und des In-Sich-Zusammen-Sinkens. Ein Tanz, der nach Unbehaustheit und Verwerfungen aussieht, als wären beiden die eigenen Körper fremd, als müssten sie jede einzelne Bewegung erst suchen, um, überwältigt vom Wunsch, sich auszudrücken, Gefühlen, Erinnerungen, Sehnsüchten, Ängsten überhaupt Gestalt geben zu können.
Da passt es, dass Toula Limnaos immer wieder Ballettschuhe am einen Fuß und Pumps oder schwarze Stiefel am anderen trägt – Brüche durchziehen die Köper und den Tanz, der einem wieder in die Seele sickert, schön und beunruhigend, weich und virtuos und grausam und hart.

Irritierendes, aufwühlendes Stück

Dies ist einmal mehr ein irritierender und aufwühlender Abend mit faszinierenden Bildern, die sich oft erst spät erschließen, wenn etwa Toula Limnaios gegen Ende in jenem Holzrahmen steht, den Sugata gebaut hat, wenn sie sich, wie darin eingesperrt, gegen die Seiten stemmt, so wie sie ihren Körper zuvor gegen die Wand des Saals geschleudert hat.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen hier ineinander, wie die Räume, die beide für sich besetzen, einander überlappen. Das Experiment, mit einem Doppel-Solo zu zeigen, wie sich Realitäten überlagern, wie wir Menschen zwar allein sein können und doch immer in Verbindungen leben und uns gegenseitig beeinflussen und prägen, ist gelungen.

Frank Schmid, kulturradio

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