Komische Oper Berlin: Poros, hier: Dominik Köninger (Poros), Ruzan Mantashyan (Mahamaya); © Monika Rittershaus
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Komische Oper Berlin - "Poros"

Bewertung:

Ein zartes Buh gegen den Regisseur möchte ich nicht überbewerten. Zunächst: "Poros" ist die 28. Oper von Händel (von insgesamt 42). 1731 war sie ein Erfolg. Und geriet trotzdem ins Hintertreffen.

Ein schönes Stück – über die Milde Alexanders des Großen gegenüber dem besiegten König von Indien. Dessen vermeintliche Witwe (in der Fassung der Komischen Oper: Geliebte) er zu ehelichen im Begriffe steht. Doch er gibt sie wieder frei und lässt, wie so viele Barockopern, Liebe über politische Macht triumphieren.

Von Händels Opern hat Harry Kupfer in seinem langen Berufsleben erst fünf Stück inszeniert. Wovon "Giustino" (1984) und "Julius Caesar in Ägypten" die heutige Händel-Renaissance ganz erheblich anstießen. Keine schlechte Idee, den ehemaligen Chefregisseur der Komischen Oper noch einmal ranzulassen. Freilich, inzwischen sind 35 Jahre vergangen.

Saris und Mangrovenwälder

Auch das Grundkonzept ist nicht übel. Da die Oper kurz nach der Gründung der "East India Company" geschrieben wurde, ist Alessandro bei Kupfer ein kolonialer, wirtschaftlicher Eroberer. Zur Versöhnung bringt er Whiskey und Waffen. Gut und schön. Nur dass zuvor dreistündig nur alle möglichen Indien-Klischees bemüht, die selber kolonialen Ursprungs sind: Saris, reichhaltige Blumensbouquets und Tropenhelme.

Man erfährt nichts Neues darüber, wie sich der indische Kolonialismus konkret ausgestaltet haben mag. Stattdessen projiziert Bühnenbildner Hans Schavernoch – ein Fan der Fototapete – Mangrovenwälder auf die Kulissen. Sie lassen nicht so sehr den Auftritt des Wohltäters vom Ganges erwarten – als vielmehr den Schrecken vom Amazonas.

Das Orchester der Komischen Oper habe ich schon weit besser gehört als unter Jörg Halubek. Es klingt talgig, dann wieder brokathaft und ornamental. Deutlicher Rückschritt. Dominik Köninger in der Titelrolle (komponiert für den berühmten Kastraten Senesino) gibt ordentlich Bariton-Stoff; Koloraturen nicht so seine Sache. Der Rest der Besetzung: eher wechselhaft. Da wird die Händel-Strecke der Komischen Oper massiv abgehängt von der Berliner Staatsoper. Den eigenen Platznachteil vermag man nicht aufzufangen.

Komische Oper Berlin: Poros, hier: Dominik Köninger (Poros), Ruzan Mantashyan (Mahamaya); © Monika Rittershaus
Dominik Köninger (Poros), Ruzan Mantashyan (Mahamaya)Bild: Monika Rittershaus

Höchstens durch die gesungene deutsche Sprache. Zwar holpert die Nachdichtung von Susanne Felicitas Wolf: "Du hast mir das Leiden zur Freundin erkoren" oder "Ich weiß um die Stärken der tapferen Frauen". Das klingt altbacken und dated. Immerhin erlaubt es die deutsche Fassung, in das Libretto von Pietro Mestastasio einzusteigen, als sei's der "Rosenkavalier". Auch wenn eher Déjà-vu-Erlebnisse kreiert werden, nicht einen Neuanfang.

Man realisiert hier, dass Harry Kupfers Händel-Erfolge sich ursprünglich einer Doppelspitze verdankten: aus ihm und seinem damaligen Protagonisten, dem Countertenor Jochen Kowalski. Das ist nicht wiederholbar. Es ist eine Aufführung auf Stadttheaterniveau. Nicht ganz das, wofür das Haus heute steht.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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