Michael Sanderling; Foto: Marco Borggreve
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Konzerthaus Berlin - Konzerthausorchester unter Michael Sanderling mit Daniel Hope

Bewertung:

Zwei unfrohe Seelenwerke des 20. Jahrhunderts, komponiert in schwerer Zeit. Große Aufgaben für Michael Sanderling und Daniel Hope – gelöst auf beachtlichem Niveau. Dazu das Konzerthausorchester Berlin in herausragender Verfassung.

Benjamin Brittens Violinkonzert hört man selten auf der Konzertbühne. Es ist ziemlich sperrig und kein Virtuosenkonzert, wenngleich unglaublich schwer für den Solisten. Komponist hat es Britten im Sommer 1939, also kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Daniel Hope bezeichnete das Werk als Vorahnung, wie dunkel es in Europa werden würde.

Das kann man, wenn man will, aus der Musik heraushören. Ein betont rhythmisches Motiv zieht sich durch den gesamten ersten Satz. Da kann die Geige noch so schöne Melodien versuchen, ständig pocht es im Orchester. Das will natürlich gestaltet werden.

Daniel Hope, Violine, im kulturradio-Studio; Foto: Gregor Baron

Der Erzähler

Daniel Hope ist ein überzeugter Ausdrucksgeiger. Wenn er Melodien in den höchsten Lagen spielt, geht es unter die Haut. Hope glaubt an das Werk und seine Botschaft. Da ist so oft die Solostimme einsam verloren in spürbarem Klagegestus. Und wenn die Schönheit nicht mehr glaubhaft ist, kommt die dunkle Seite durch: Da wird es geräuschhaft, fiept und klopft, und man hat die böse Ahnung, dass da tatsächlich der Moment eingefangen wurde, bevor die Barbarei endgültig ausbricht. Das geht unter die Haut, und Daniel Hope wagt mehr, als er wirklich leisten kann. Er ist kein Geiger mit richtig großem Ton, und wenn er versucht, in seinen horrend schweren Mehrfachgriffen gegen das Orchester anzuspielen, muss er verlieren. Das das kalkuliert er ein. Er ist kein Schönspieler, dafür aber ein großer Erzähler auf der Geige, dessen Spiel wirklich berührt.

Das Erbe Schostakowitsch/Sanderling

Die zehnte Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch mit dem Konzerthausorchester unter Sanderling. Das schreibt sich so leicht – und ist doch eine besondere Konstellation. Michael Sanderlings Vater Kurt Sanderling war eng mit Schostakowitsch befreundet und hat bei der Aufführung einiger seiner Sinfonien wahre Maßstäbe gesetzt. Und das auch noch mit – ja, dem Berliner Sinfonie-Orchester, dem heutigen Konzerthausorchester Berlin.

17 Jahre war Kurt Sanderling Chefdirigent des Orchesters, und da ist es schon eine Herausforderung und ein Wagnis, wenn Michael Sanderling genau dieses Werk auf sein Programm setzt. Und auch die Musik selbst ist ein wahrer Brocken. Schostakowitsch hat seine Zehnte kurz nach dem Tod Stalins komponiert. Und das ist eine Abrechnung mit Terror und Diktatur, unter der Schostakowitsch zu leiden hatte.

Respekt

Michael Sanderling hat spürbar Respekt vor dieser Aufgabe und vor dem Erbe seines Vaters. Er geht das alles mit größtem Verantwortungsbewusstsein an, mit einer Gewissenhaftigkeit, mit dem Wissen um die Bedeutung jeder Note.

Sanderling zeichnet die melodische Dichte nach, lässt in den Instrumentensoli die Einsamkeit des Komponisten ausgestalten, aber auch die Gewaltausbrüche, die er, die Faust ballend, verlangt. Das sprengt die akustischen Möglichkeiten des Großen Saals im Konzerthaus, aber irgendwie passt es. Da gibt es grandiose Einzelmomente. Allerdings fehlen die zwingenden Entwicklungen, die die Aufführungsdauer von fast einer Stunde rechtfertigen.

Orchesterqualität

Das Konzerthausorchester Berlin präsentiert sich derzeit auf bemerkenswertem Niveau. Man hat in den Bläsern herausragende Solisten, die gleichmaßen die Intensität des Ausdrucks wie höchste Virtuosität beherrschen. Die Streicher sind eine wirkliche Macht und können Räume weiter und enger gestalten.

In dieser Kombination entstehen bewegende Momente. Man hat vor dem inneren Auge endlose Weiten, das Gefühl, kilometerweit blicken zu können, und darin eine einsame, verlorene Melodie. Das überzeugt und zeigt, dass auch in dieser Saison ohne Chefdirigent beim Konzerthausorchester sehr gute Arbeit geleistet wird.

Andreas Göbel, kulturradio

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