Daniel Harding; © Stephan Rabold
Stephan Rabold
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Philharmonie Berlin - Daniel Harding dirigiert Mahlers Erste Symphonie

Bewertung:

Daniel Harding präsentiert ein Programm voller Anklänge, Zitate und Parodien, emotional übersteigert. Und er erweist sich wieder einmal als ein intellektuell kontrollierter Dirigent. Mit gemischtem Erfolg.

Die erste Sinfonie von Gustav Mahler erlebt man rekordverdächtig häufig in Konzerten. Sie ist, wenn man denn Mahler dirigieren will, die dankbarste Sinfonie von allen: mit einer knappen Stunde Aufführungsdauer für Mahler-Verhältnisse kurz, dazu ohne Gesangssolisten oder Chor. Und sie erscheint noch relativ verständlich mit ihren Naturlauten, "Bruder Jakob" in Moll oder einem triumphalen Schluss, der zuverlässig den Jubel danach garantiert.

Da gibt es das Parodistische, die Ironie, die heile Welt, die kräftige Risse bekommt, wenn es sie denn je gegeben hat. Ein Ländler, Symbol für die eingebildete Naturverbundenheit der "einfachen" Leute, ist schon bei Mahler kräftig überzeichnet. Daniel Harding überdreht es weiter ins bewusst Tollpatschige – überscharf in den Bläsern, und das Hörnergeschnatter klingt noch einmal deutlicher, wenn alle sieben Hörner ihre Schalltrichter nach oben drehen. Da ist nun wirklich Schluss mit gemütlich und romantisch.

Rattle-Erbe

Daniel Harding, erkennbar Kopfmensch, hat eine beeindruckende Orchestererfahrung. Schon mit 17 wurde er Assistent von Simon Rattle, damals noch nicht einmal in Berlin als Chef der Philharmoniker, sondern noch in Birmingham. Und diese Prägung merkt man Harding bis heute an. Wie der jüngere Rattle tüftelt auch Harding aus jedem Werk Dinge heraus, die man zuvor noch nie so beachtet hatte.

Ob das tinnitusartige Pfeifen am Beginn der Sinfonie, das scheinbare Naturchaos, das sich dann langsam in Melodie und Rhythmus sortiert. Wie alles bekannt klingt, aber verfremdet: die scharfen Triller in den Hörnern, die Paukenschläge zur falschen Zeit oder die sehnsuchtsvolle Melodie, die sich wie hinter einem Nebelschleier versteckt. Schöne Einzelmomente, aber das große Ganze fehlt. So zerdehnt, so langatmig hat man die Sinfonie selten einmal gehört.

Akustische Realität

Mit den "Three Places in New England" hat Charles Ives eines der modernsten Stücke am Beginn des 20. Jahrhunderts komponiert. Seine Beobachtung, dass man draußen ständig akustischen Ereignissen ausgesetzt ist, die nicht aufeinander abgestimmt sind, ist so einfach wie logisch. Man hört Vogelgezwitscher, von irgendwoher Musik, irgendwo wird gehupt. Alles das passiert parallel und zufällig. Und so funktionieren seine Stücke: Da sind Klangwolken, die man zunächst gar nicht zuordnen kann, plötzlich erscheinen Militärmärsche, Kirchenlieder, Volkslieder, alles scheinbar durcheinander.

Für diese Musik ist Daniel Harding ein großartiger Organisator. Die Kunst, dass es so klingt, als wäre es Zufall, beherrscht er grandios. Vielleicht ist es bei ihm auch hier etwas zu kopfgesteuert. Manchmal hatte man auch das Gefühl, dass die Berliner Philharmoniker diese ironischen Collagen nicht besonders mögen. Es wirkte dann doch etwas antibakteriell bestrahlt, um nicht zu sagen: lustlos.

Ausgetüftelt

Da passen die drei Bruchstücke aus Alban Bergs Oper "Wozzeck" gut in diesen Zusammenhang. Auch hier scheint kurz Militärmusik auf, diesmal als Fernorchester hinter der Bühne. Daniel Harding wählt einen restlos überzeugenden Ansatz, nicht so sehr aus der Spätromantik, sondern als avangardistisches Stück Musik. Die geräuschhaften Momente, das gespenstische Grundrauschen, gelingt beeindruckend.

Auch hier ist es mehr durchdacht als empfunden, aber bei einer Musik, die aus sich selbst heraus so extrem emotional, bisweilen brutal daherkommt, muss man in dieser Hinsicht nicht noch etwas hinzugeben. Ja, Daniel Harding ist ein Tüftler und nicht gerade eine Stimmungskanone. Das passt nicht überall, aber hier führt es zu einer überzeugenden Darbietung.

Gestalterin

Nicht vergessen darf man die Sopranistin Dorothea Röschmann, die die Partie der Marie geradezu verkörperte. Das ist hier fast noch schwieriger als in der Oper als Ganzes. Denn hier sind es zwei aus dem Zusammenhang gerissene Szenen, in die man hineingeworfen wird. Die Sopranistin auch, aber Dorothea Röschmann, in Berlin vor allem an der Staatsoper durchweg in bester Erinnerung, weiß, wie man sich dieser Herausforderung stellt.

Sie zeigt die Verzweiflung ihrer ausgestoßenen und gedemütigten Figur. Da wird fast jede Silbe ein Zeichen von Hilflosigkeit. Bei ihren Ausbrüchen geht man unwillkürlich in Deckung und bleibt benommen zurück. Das sind nur zwei zeitlich recht kurze Szenen, die aber lange nachwirken und zum wiederholten Male unter Beweis stellen, welch grandiose Gestalterin Dorothea Röschmann nach wie vor ist.

Andreas Göbel, kulturradio

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