Edward Gardner © Benjamin Ealovega
Benjamin Ealovega
Bild: Benjamin Ealovega Download (mp3, 4 MB)

Philharmonie Berlin - Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Edward Gardner

Bewertung:

Eines der besten Debüts der letzten Zeit: Edward Gardner beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Und abgesehen von der enttäuschenden Sängerin eines der bislang schönsten Konzerte dieser Saison.

Das passiert nicht immer, dass ein Orchester sitzen bleibt und dem Dirigenten den Beifall überlässt – und das bei einem Debüt. Edward Gardner hat beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin einen grandiosen Einstand gefeiert.

Als Thema war "Die Liebe und das Meer" vorgegeben, und alle vier Werke passten dazu. Edward Gardner wusste allerdings die Romantik-Falle dieses Themas geschickt zu umschiffen. War der Beginn der Ouvertüre "Meeresstille und glückliche Fahrt" von Felix Mendelssohn Bartholdy noch eine Spur zu präsent, sorgte Gardner mit knappen Bewegungen im Hauptteil für ein unglaubliches Tempo und eine Lebendigkeit, die schon hier beeindruckte.

Tragik und Würde

In Ernest Chaussons "Poème de l’amour et de la mer" strotzt der Text nur so von Klischees: Fliederblüten, Liebe, Jugend, eine nicht wiederkehrende Zeit, und alles ist am Ende verblüht. Schwülstiger geht es kaum – aber die Musik erzählt glücklicherweise alles viel differenzierter. Das ist bei aller Farbzeichnerei ein großes Stück Kammermusik.

Edward Gardner weiß die großartigen solistischen Qualitäten des Orchesters herauszukitzeln. Die Oboe lässt ahnen, dass es nicht gut ausgeht, und das Solo-Cello spielt voll trauriger Intensität. Dabei verzichtet die Darstellung wohltuend auf alles Selbstmitleid. Das hat eine Erhabenheit, die bei aller Tragik die Würde nicht verliert. Diese Stimmung, diesen Spagat so einzufangen, ist eine Glanzleistung.

Keine Zwischentöne

Alles das, was das Orchester hier transportiert hat, geriet durch die Solistin in Gefahr. Clémetine Margaine nutzte ihre Opernerfahrung wenig. Ihre sehr direkte, fast metallisch harte, schneidende Stimme mag ihr helfen, über einen Orchestergraben hinwegzusingen. Hier im Sinfoniekonzert fehlten sämtliche Zwischentöne.

Edward Gardner konzentrierte sich ganz auf das Orchester. Er ließ die Sängerin agieren und dirigierte an der Singstimme vorbei. In diesem Fall die beste Lösung.

Meer und Liebe

Mit Richard Wagner hat das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin durch den Wagner-Zyklus von Marek Janowski gute Erfahrungen. Auch in der Ouvertüre zum "Fliegenden Holländer" war das Orchester zu Hause. In den Streichern tobte der Sturm, technisch grandios.

Wo in der Ouvertüre die wesentlichen Themen anklingen, rührte und bewegte die Senta-Ballade, wie sie hier von Oboe und Englischhorn angedeutet wurde. Kurz: Was diese Oper ausmacht: die Naturgewalten und die Liebe bis in den Tod fand sich in diesen zehn Minuten aufs Schönste angedeutet. So möchte man das mal im Opernhaus hören.

Keine falsche Romantik

Claude Debussys "La mer" hört man immer wieder mal. Aber man muss lange zurückdenken, das einmal so erschütternd erlebt zu haben. Nicht nur, dass hier jeder Wassertropfen blankpoliert wirkte – jeder Harfenton ein Wasserspritzer – oder das Pfeifen des Windes in den Oboen. Auch das Verhältnis von Nähe und Weite war hier plastisch zu erfahren.

Aber es war mehr (!) und weit über ein Wassertropfenballett oder ein fröhliches Walross hinaus: Wenn es in den Posaunen dröhnte, hatte man gleich so manche Katastrophe vor dem inneren Auge: Flutwellen, Tsunamis – kurz: die todbringende Seite des Meeres. Edward Gardner war es gelungen, dem Thema "Meer" hier jede falsche Romantik auszutreiben. Ein beeindruckender Abend, ein grandioses Debüt und ein Orchester in Bestform. Diesen Dirigenten sollte das RSB bald wieder einladen.

Andreas Göbel, kulturradio

Weitere Rezensionen