Yefim Bronfman; © Dario Acosta
Dario Acosta
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Pierre Boulez Saal - Yefim Bronfman: Schumann, Bartók, Schubert

Bewertung:

Yefim Bronfman ist ein hervorragender Pianist, der mit seinen Möglichkeiten berühren kann. Leider zeigt er das nur momenteweise in einem ansonsten oberflächlichen und ärgerlich lustlosen Abend.

Yefim Bronfman hat an den Rosenmontag gedacht. Hat er sonst in seinem Tourneeplan von Robert Schumann die Humoreske parat, spielt er hier einmalig den "Faschingsschwank aus Wien". Von karnevalesker Frechheit vermittelt sich heute in diesem Stück nicht mehr viel. Es sind zumeist Insider-Gags. So versteht man das Zitat der Marseillaise im ersten Satz nur dann, wenn man weiß, dass das Singen dieser Hymne damals in Wien verboten war.

Der Pianist spielt auch einigermaßen ungerührt darüber hinweg – wie leider über vieles an diesem Abend. Weite Teile sind unscharf, man könnte auch sagen: ziemlich heruntergeschludert.

Ohne Energie und lustlos

Was Yefim Bronfman zu leisten imstande ist, hört man immer wieder mal in Ansätzen. Die Romanze aus dem "Faschingsschwank" bewegt sich bei ihm am Rand der Hörbarkeit. Das klingt Kilometer entfernt. Da zaubert er mit seinem faszinierenden Anschlag.

Aber das sind gerade einmal zwei Minuten. Alles andere ist allenfalls ganz nett. Durch seinen üppigen Pedalgebrauch wirkt alles gleich noch einmal unschärfer. Was er gleich spielen kann, spielt er gleich. Die Aufforderung des Komponisten, das Intermezzo "Mit größter Energie" zu spielen, erweist sich hier als Sparvariante. Im Finale ist die Wiederholung gestrichen. Man ist fast dankbar darüber, so wenig ist Bronfman hier eingefallen, und so lustlos hat man das Stück selten gehört.

Routine und Ratlosigkeit

In Béla Bartóks Suite wechseln sich Trockenheit und brutale Gewalt ab. Nachdem Bronfman den dritten Satz krachend versenkt hat, entwickelt er immerhin aus einem der Schlusstöne den Beginn des melancholischen letzten Satzes. Gerne hätte man mehr solche originellen Ideen bekommen. Der Rest war auch hier Routine.

Musik der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja hört man selten. Zu kompromisslos sind ihre harten und abweisenden Werke, manchmal von solch brutaler Intensität, dass der Pianist aufpassen muss, nicht verletzt daraus hervorzugehen. In ihrer vierten Klaviersonate dominieren hingegen die Pastellfarben. Yefim Bronfman spielt das auch sehr leise, nur scheint er nicht zu wissen, was er damit anfangen soll. Der Pianist wirkt ratlos – und man selbst als Zuhörer auch.

Eigentlich kann er alles

Franz Schuberts späte c-Moll-Sonate interpretiert sich eigentlich von selbst. Das Verrückteste daran ist das Finale: ein zehnminütiger Höllenritt, durch alle Tonarten durchgaloppierend. Manchmal ein bisschen Hoffnungsschimmer, ansonsten ist hier schwärzeste Nacht. Vor diesem Satz hat jeder Pianist Respekt. Technisch absolviert Yefim Bronfman das beeindruckend, aber dieser Blick ins Grab bleibt allenfalls Andeutung.

Ärgerlich ist an diesem ganzen Abend die Tatsache, dass Yefim Bronfman eigentlich alles kann: Er hat Technik, Anschlagskultur, klangliche Facetten, auch durchaus Ideen. Da gibt es hier eine Pause, bei der man aufhorcht, und dort eine berührende Melodie. Alles andere wirkt wie Dienst nach Vorschrift – oberflächlich und langweilig.

3 Minuten Scarlatti

Als erste von zwei Zugaben spielt Yefim Bronfman eine Sonate von Domenico Scarlatti. Wie er hier die melancholische Stimmung einfängt, wie hinter einem Grauschleier mehr und mehr eine ganz intensive Wärme spürbar wird – das hat nichts Äußerliches, man wird unwillkürlich hineingezogen von den leisen, aber desto intensiveren Klängen.

Wenn nur der ganze Abend so gewesen wäre wie diese drei beglückenden Minuten Scarlatti …

Andreas Göbel, kulturradio

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