Staatsoper Unter den Linden Jörg Widmann: Babylon © Arno Declair
Arno Declair
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Staatsoper Unter den Linden - Jörg Widmann: "Babylon"

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Gemeinsam mit Peter Sloterdijk hat der Komponist Jörg Widmann 2012 eine Oper über die multikulturelle Metropole "Babylon" geschrieben. Am Samstag wurde die überarbeitete Fassung des Musikwerks uraufgeführt.

Wiederinszenierungen neuer Werke sind so selten, auch für berühmte Komponisten, dass Jörg Widmanns neuem "Babylon" an der Berliner Staatsoper doch eine Bedeutung zukommt. Zwar wird auch die (um 20 Minuten gekürzte und um eine Glasharfe ergänzte) "Revidierte Fassung" als "Uraufführung" deklariert – ein alter Abrechungstrick.

Dass das Werk, sieben Jahre nach der Münchner Premiere, wiederkehrt, liegt indes am Spezialinteresse eines GMD namens Daniel Barenboim; der ein Machtwort gesprochen hatte. Aufgrund einer Augenoperation musste er schließlich absagen.

Das Werk, ein ausgewachsener Dreistünder (Pause inklusive), ist erfreulicherweise abendfüllender als die sonst üblichen 90-Minüter. Aber auch ein gutes Stück Arbeit.

Opulent

Widmann, inzwischen Mitte 40, ist der wohl bedeutendste Schüler von Wolfgang Rihm, und wechselt (wie dieser) gern Uniformen und Stile.

Seine "Babylon"-Oper ist reinster Eklektizismus: eine aus traditionellen Formen, Märschen und Anfällen von Richard Strauss zusammenzitierte Mixtur. Boshaft könnte man sagen: eher kompostiert als komponiert.

Doch Widmann ist ein Könner und um Effekte nie verlegen. Da gibt es ständig tonale Einschlüsse, die wie Goldadern das Werk durchziehen. Es ist Widmanns opulentestes Werk. Die "Walküre", zum Vergleich, ist dagegen ein Soja-Schnitzel.

Jörg Widmann: "Babylon"

Verschwurbelt

Bei der Erstaufführung wurde das "unkomponierbare" Libretto moniert. Nun, kein Text ist unvertonbar. Das Problem ist der unglaublich prätentiöse Gehalt, zu dem sich Autor Peter Sloterdijk versteht (der thematisch offenbar gerne ein neuer Hans Blumenberg werden möchte ... Dream on!). Es geht hier nicht um den Turmbau zu Babel; sondern um die Zeit nach der Sintflut, als sich die Menschen verwirrt fragen, wie sie die Natur durch ein Menschenopfer besänftigen können. Der jüdische Tammu, das erkorene Opfer, wird am Ende von seiner Geliebten aus der Unterwelt zurückgeholt.

Also: Eine mesopotamische Kreuzung aus Strawinskys "Sacre du Printemps" und Glucks "Orpheus". Was mich diese Opferthematik heute angehen könnte, habe ich nicht recht herausgefunden. Stattdessen gibt es fürchterliche Sätze wie: "Ich bin der Tod, weil ich die Regel bin." Oder: "Ihr Völker, lernt gefährlich leben." Das mag im Kontext nicht unklug sein. Bleibt aber verschwurbelt.

Die Musik ist erfrischend

Die Staatskapelle leistet – auch ohne Daniel Barenboim! – Vortreffliches (Dirigent: Christopher Ward). Auch die Sänger sind zumeist sehr gut, allen voran Susanne Elmark: eine in Fest-Porzellan ausgeführte Kampf-Soubrette. Erstaunlich, dass unter den vielen teuren Gästen mal wieder Ensemblemitglied Marina Prudenskaya (als Euphrat) die mit Abstand Großartigste ist. Regisseur Andreas Kriegenburg frönt ausgiebig seiner Lust an der mehrgeschossigen Vertikale. Das Bühnenbild ist sechsstöckig und funktioniert dank der sehr guten Hubpodien des Hauses.

Hörenswert! Und zwar für Menschen, die sich überzeugen wollen, wie ein undogmatischer Komponist den verkanteten Tanker der Neuen Musik wieder flott kriegt. Ich neige zu der Ansicht: Die Musik ist erfrischend. Für das Libretto kann er nichts.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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