Bühnenszene "Casanova", Ballett
Staatstheater Cottbus/Marlies Kross
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Ballett - "Casanova"

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Giacomo Casanova, der berühmte venezianische Frauenheld und Verführer, war Ausgangspunkt für die Ballettpremiere, die Deutsche Erstaufführung am Wochenende in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus. "Casanova" hat der Choreograph Mauro de Candia seine Choreographie für das kleine Cottbusser Ballett genannt. Aber viel von der sagenhaften Figur des ewigen Liebhabers und Verführers Casanova steckt in dieser Choreographie nicht.

Mauro de Candia hat kein biographisches Stück im Sinn gehabt, er folgt nicht den legendenumwobenen, vielleicht ja auch nur erfundenen Liebes- und Lebens-Abenteuern des Casanova sondern hat ein barockes Lustspiel inszeniert, ein buntes, neckisches Treiben wie bei einem Maskenball oder wie in einem Labyrinth, einem Irrgarten der Barockzeit, in dem sich die Liebessuchenden verirren und finden und wieder verlieren und sich dabei prächtig amüsieren. 

So steht hier auch Barock-Musik im Vordergrund: v.a. Tanzsätze von Händel, Purcell, Corelli und Vivaldi – hauptsächlich Vergnügliches, mitunter auch Sehnsuchtsvolles wie die Arie "Ombra mai fu" aus Händels "Xerxes"-Oper oder Erhabenes wie der Psalm von Arvo Pärt.

Zugleich hat Mauro de Candia versucht, die lustvolle Lebensfreude des Barock, das Genießerische und an den Leidenschaften Orientierte, in unserer Gegenwart wiederzuentdecken, denn die Figuren auf der Bühne sind sowohl damalige als auch heutige Gestalten.

Allegorische Figuren den Sinnen-Freuden zugewandt

Zunächst treten die vier Damen und vier Herren in schwarzen hüftlangen Mänteln und mit Karnevalsmasken auf, später in knappen Dessous, sie sind keine eindeutig charakterisierten Figuren sondern überzeitliche Gestalten des Genusses, der Barockzeit entsprungen und in der Gegenwart der flüchtigen Liebeshändel gelandet. Es sind allegorische Figuren des nicht zweckgerichteten Vergnügens, ganz den kurzen Sinnen-Wonnen zugewandt.

Hier öffnet sich sozusagen eine Parallele der Folgelosigkeit: in der Barockzeit die Kanalisierung der menschlichen Triebe durch die Regeln des Anstands, in der Gegenwart durch die Regeln der Unverbindlichkeit. 

Es geht hier um das Davor, nicht um das, was folgt, um die Erotik nicht den Vollzug. Alle Figuren sind Verführer und Verführte, stürzen sich v.a. selbstgenießerisch in das Spiel der Versuchung, genießen den Kitzel des Augenblicks, des Begehrens und Begehrt-Werdens, um sogleich wie die Biene zur nächsten Blüte weiter zu schwirren. Mauro de Candia zeigt dutzende spielerische Verlockungs-Momente, wobei das Begehren hier auch insofern fließend und offen sein kann, dass auch Mann und Mann oder Frau und Frau kurz voneinander hingerissen sein dürfen.

Tanz der sinnenfrohen Lebensfreude und des Glücks im Augenblick

Mauro de Candia, Mitte 30, seit 2012 Leiter der Tanzcompagnie am Theater Osnabrück, klassisch und modern ausgebildet, früher selbst Tänzer, hat eine ornamental-schwungvolle Tanzsprache gefunden, ein weiches Fließen und zartes Erbeben, einen erzählerischen, psychologischen Tanz, der das Knistern der erotischen Begegnungen jedoch nie zur offenen Feuersbrunst werden lässt.

Das Umeinander-Kreisen, das mit Blicken und Gesten Bestürmen, die Hand kurz an das Kinn oder an die Brust gelegt, das Umgarnen und Umschmeicheln – alles mit weit schwingenden Armen und Beinen, kleinen koketten Drehungen und Wendungen und Girlanden, das Selbstgenießerische und nach außen Gerichtete: "Schaut her meine Schönheit und Anmut" – alles wird getanzt mit Anleihen beim Klassischen Ballett und Postmodernen Tanz, minimal auch bei Standard-Tanz und Indischem Tanz. Alles bleibt geschmackvoll-edel zurückhaltend – nichts Aufsehen erregendes, nichts allzu kompliziertes. Es sind die passenden Mittel für dieses nie bis zum Ernst vordringen wollende Spiel der Verführung und alles ist klug und präzise und nachvollziehbar erzählt und gebaut – ein Tanz der sinnenfrohen Lebensfreude und des Glücks im Augenblick.

CASANOVA, Ballett von Mauro de Candia
Staatstheater Cottbus/Marlies Kross

Mit angenehmen Herzensregungen anzuschauen

Die Abgründe, in die wir wegen der Liebe stürzen können, spielen hier keine Rolle. Tragik, Verlust und Verrat, Leid und Trauer und Rache-Gelüste gibt es hier nicht, nur wenige Momente der Einsamkeit. Hier stürzt niemand in ein schwarzes Loch, in rasende Eifersucht und Auslöschungs-Phantasien, niemand verliert sich selbst in unbeherrschbaren Leidenschaften.

Mauro de Candia bleibt konsequent beim Spiel des Verführens und Verführt-Werdens und bei der Folgelosigkeit dieses Spiels. Die Damen und Herren haben in allen Szenen immer die Freiheit, sich entscheiden zu können, sich zurückzuziehen oder noch ein bisschen weiterzuspielen – in diesem Sinne ist das emanzipatorisch, wenn man so will, auch feministisch gedacht.

Dieser "Casanova" ist ein wohlgefälliger, charmanter, mit angenehmen Herzensregungen anzuschauender kurzer Abend mit anmutigen, schönen jungen Tänzerinnen und Tänzern in manierlichen und liebenswürdigen Szenen. Die Frühlingsgefühle und Frühlingssäfte sprießen und fließen ganz liebreizend und entzückend – mehr aber auch nicht.

Frank Schmid, kulturradio

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