Maxime Pascal (Musikalische Leitung), Christian Brückner (Worte / Joe) und Mitglieder der Orchesterakademie bei der Staatskapelle Berlin
Martin Koos
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Staatsoper Unter den Linden - Samuel Beckett / Morton Feldman: "Words and Music"

Bewertung:

Samuel Becketts Hörspiel "Words and Music" mit der Musik von Morton Feldman wird in einer Neuproduktion an der Staatsoper als Live-Hörspiel mustergültig aufgeführt, allerdings vermisst man darüber hinaus einen eigenständigen künstlerischen Neuansatz.

Anfang der 60er-Jahre hat Samuel Beckett sein Hörspiel "Words and Music" geschrieben. Die Musik hatte damals ein Cousin Becketts beigesteuert. Beide waren damit dann jedoch sehr unzufrieden, und so wurde die Musik schließlich zurückgezogen.

Erst als in den 80ern alle Hörspiele Becketts neu produziert werden sollten, stellte sich die Frage nach der Musik neu, und so konnte Beckett dann Morton Feldman für eine Neukomposition gewinnen. Ihn kannte Beckett schon vom gemeinsamen Opernprojekt "Neither".

Prima la musica

Die Handlung entspricht den Beckett-typischen abstrakt-hermetischen Grundkonstellationen: In einem Turm vertreibt sich eine Figur namens Krak mit zwei anderen die Zeit, indem er ihnen, Wort und Musik, Themen stellt: Liebe, Alter und Gesicht. Beide müssen dazu etwas improvisieren. Das Besondere: Während "Wort" von einem normalen Darsteller gespielt wird, der seine Texte spricht, ist die Musik einfach Musik, sie spricht in Tönen.

Beide geraten aneinander, so dass sie Krak zur Ordnung rufen muss. Schließlich nähern sie sich einander an. Der Wort-Darsteller fängt an zu singen, und am Ende gibt es eine Versöhnung. Es ist letztlich die alte Frage des Musiktheaters: Was ist wichtiger: Wort oder Musik?

Live-Hörspiel mit Sound Design

Umgesetzt wird das im Apollosaal der Staatsoper als Live-Hörspiel ohne visuelle Inszenierung. Man hat eine Konzertsituation gebaut: vorne auf dem Podium das Musikerensemble und der Wort-Darsteller. Der Schauspieler des Krak sitzt für die Bühne unsichtbar im Publikum, Reihe 3 Mitte, und ist nur über Mikrophon und Lautsprecher zu vernehmen.

Zur Verstärkung kommt noch ein spezielles Sound Design hinzu. Man meint den Raum zu hören, diesen Turm, in dem das alles spielt, mit viel Hall, dazu ein bisschen Rauschen, ein Knistern wie von einem Kaminfeuer. Man hört das Klopfen von Kraks Stock, mit dem er die Streihähen auseinander treibt, per Fernbedienung von Kraks Darsteller betätigt. Die Musik von Morton Feldman wirkt dagegen fast asketisch mit wenigen Motiven, eigentlich nur emotionsarme Klangschleier.

Großartige Darsteller

Hier sind stimmgewaltige Darsteller gefragt, und die hat man in dieser Produktion. Klaus Christian Schreiber als Krak ist mal mit einem Stöhnen zu hören, dann wieder mit scharfen Befehlen. Beeindruckend wechselt er von Freundlichkeit zu stimmlicher Gewalt.

Christian Brückner muss als "Wort" mal nichtssagende Reden herunterleiern oder sich mit sanftem Protest gegen das Musikensemble wehren: "Nicht!" – "Ruhe!" Seine Gestaltungskraft stellt er unter Beweis, wenn er seine Singstimme einzusetzen hat: zunächst ganz brüchig, dann immer stärker. Für alles das findet er auf faszinierende Weise hunderte Nuancen.

Christian Brückner
Martin Koos

Kurzer Abend

Die musikalische Umsetzung ist unter Leitung von Maxime Pascal von der Orchesterakademie der Staatskapelle gewissenhaft vorgenommen worden. Das bisschen Feldman-Musik ist schwer umzusetzen: Jeder nur leicht zu laute Ton kann die Atmosphäre zerstören. Zuvor hatte noch ein kurzes Stück eines jungen Komponisten in die Raum-Hall-Atmosphäre eingeführt. Zu größerer individueller Gestaltung gab die Musik kaum Möglichkeiten.

Man muss diese Produktion so nehmen, wie sie angekündigt ist: als Live-Hörspiel, und als solches ist sie mit Liebe zum akustischen Detail umgesetzt worden. Als Musiktheater jedoch, das man in der Staatsoper erwarten kann, ist es zu wenig. Ganz auf visuelle Ansätze zu verzichten, auf jede Form von Regie, auf jeden eigenständigen künstlerischen Neuansatz, wirkt eine Spur zu mutlos, und das hat diesen Abend, der nicht einmal eine Stunde dauert, doch recht klein erscheinen lassen.

Andreas Göbel, kulturradio

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