Oceane
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Uraufführung - Deutsche Oper Berlin: "Oceane" - Ein Sommerstück für Musik

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Eine Oper nach einem Fontane-Fragment. Ein sehr schöner Abend, der zum Hit werden könnte - der gute Ruf des Komponisten Detlef Glanert besteht zu Recht.

Uraufführungen, da sie verkauft werden müssen, sind auch heute noch waghalsig; allerdings nicht bei der Premiere, wohin die Leute genug Leidensfähigkeit mitbringen, um gute Ergebnisse zu erzielen.

Letzteres war offenbar sogar unnötig bei "Oceane" von Detlef Glanert, sofern man den euphorischen Jubel zugrunde legt, welcher den Komponisten fast von Schlussapplaus-Bühne fegte. Das ganze Team strahlte wie die Honigkuchenpferde.

Kein Wunder, da Glanert nicht die Musikgeschichte neu erfinden, sondern sein Publikum auf redliche Weise erreichen will. Dass ihm dies ausgerechnet mit eine unbedeutenden Fontane-Fragment gelingen würde, das (nach Angaben des Regisseurs) 22 Seiten umfasst, ist nicht selbstverständlich. Fontane selber, der das Projekt rasch wieder fallengelassen hatte, wäre über den Uraufführungstriumph am meisten überrascht.

Zwang einer Handlung weitgehend entlastet

Kapituliert hatte Fontane wohl, weil die Hauptfigur Oceane weit mythologischer, unalltäglicher ist als alle anderen seiner Frauengestalten. Sie ist eine Wasserfrau, von der niemand im Seebad weiß, woher sie kommt, wo sie ihr vieles Geld her hat. Und warum ihr Bett nachts unangetastet bleibt. Sie verschwindet am Ende (Libretto: Haus-Ulrich Treichel) rasch genug wieder im Ungefähren.

Paradoxerweise ist dies jedoch ausreichend, um für alle in ihren Fontane halbwegs Eingeweihten alle typischen Motive anklingen zu lassen: Die mondäne Salonnière etwa, die von Doris Soffel als Mischung aus Frau Jenny Treibel und der Geheimrätin Zwicker (aus „Effi Briest“) angelegt wird. Den Garcon-Liebhaber mit Hang zur Tragik. Und natürlich die junge Heldin, die, indem sie erotisch nachgibt, initiativ wird.

So allusionistisch, andeutungsweise alles bleibt, so reizvoll ist es zu beobachten. Vermutlich, weil man vom Zwang einer Handlung weitgehend entlastet ist.

Emotional aufwühlende Musik

Musikalisch wird das von Glanert nur leicht aus den tonalen Angeln gehoben. Streckenweise könnte es gar aus der "Schweigsamen Frau" oder einem anderen Nebenwerk von Richard Strauss abgepaust sein.

Ich schätze, Glanert wollte das komponieren, weil die Kurpromenade, die wir sehen, Gelegenheit zu so vielen Polkas, Galopps und anderen Tänzen gibt. Wodurch er, gute Sache!, den Wiederanschluss an einen tänzerischen Grundimpuls der Musik findet, der in der zeitgenössischen Musik sonst meist ignoriert wird.

Emotional aufwühlende Musik ist das, die weder zernebelt noch bedeutungsvoll viel behauptet. Sie lässt nicht kalt. Hohe Tugend.

Vornehme Zurückhaltung

Regisseur Robert Carsen weiß als Kanadier von Fontane bekennend wenig und hält ihn für eine Art deutschen Henry James. (Er habe es immerhin mit dem "Stechlin" versucht, sagte er mir, sei aber rasch gescheitert...) Die edelgewandeten Seegäste sehen eher aus wie aus Tschechow. Titel: "Die Dame ohne Hündchen". Indem er sich vornehm zurückhält, liefert er eine Regie-Etüde und schöne Fingerübung. Er macht es richtig.

Jede Blutleere souverän verhindert

Donald Runnicles am Pult ist grundsätzlich nie besser als bei Neuer Musik; weil er hier jede Blutleere souverän verhindert. Auch mit Maria Bengtssons Porzellan-Sopran – aber KPM, bitteschön! – hat man die richtige Protagonistin.

Einen saftigen Schlussmonolog (wie in "Capriccio") hat sie auch. – Kurzum, ein sehr schöner Abend, der zum Hit werden könnte. Der gute Ruf des Komponisten Glanert besteht zu Recht.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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