Opernsaengerin Aida Garifullina
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Philharmonie Berlin - Festtage der Staatskapelle Berlin: Werke von Giuseppe Verdi

Bewertung:

Der Star musste krankheitsbedingt absagen: Anna Netrebko fiel aus. Aber mit Aida Garifullina gab es guten Ersatz. Der Grund, dieses Konzert zu besuchen, war aber dann der Rundfunkchor Berlin mit – wieder einmal – einer Glanzleistung.

Die Enttäuschung war bei vielen sicher groß. Eintrittspreise von bis zu 220 Euro zahlt man dann doch für den Promi-Effekt. Da musste die Staatsoper wenigstens 30 Prozent Preisnachlass gewähren, und entsprechend waren die Tische mit den Formularen für die teilweise Eintrittsgelderstattung gut umlagert.

Der Ersatz war schon in Berlin: Die junge russische Sopranistin Aida Garifullina ist derzeit an der Staatsoper in der Neuproduktion von Sergej Prokofjews "Verlobung im Kloster" zu erleben, hier vorzüglich besetzt – ein leuchtender Sopran mit guter stimmlicher Substanz. Sie ist Anfang 30, und es sieht bei ihr alles nach großer Karriere aus. Sie ist Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, hat bei der Fußball-WM-Eröffnung im vergangenen Jahr in Russland gesungen und ist international von Covent Garden bis zur MET gebucht. Den Namen wird man sicher bald noch öfter hören.

Alles richtig gemacht

Mit Anna Netrebko lässt sie sich nur schwer vergleichen. Während sich Anna Netrebko in Richtung des Hochdramatischen entwickelt hat, hat Aida Garifullina – 16 Jahre jünger – eine schlankere Stimme und somit auch ein ganz anderes Repertoire präsentiert als von Anna Netrebko vorgesehen. Aida Garifullina hat sich auf die Gilda in "Rigoletto" und die Violetta in "La traviata" konzentriert. Partien, die sie mühelos bewältigt.

Sie verbindet Leichtigkeit mit Substanz, hat Wärme in der Stimme, ohne forcieren zu müssen, besitzt ein Gespür für Dramatik. Es berührt, ohne jemals kitschig zu werden. Sie macht alles richtig. Was ihr noch fehlt, ist Wiedererkenntbarkeit. Gerade bei diesen Standardpartien verriet sie wenig Individualität. Das ist allerdings ein Problem vieler Sängerinnen und Sänger der jüngeren Generation. Alle sind sie gut vorbereitet für die internationale Karriere, da bleiben keine Wünsche offen. Aber wiedererkennen würde man die Stimme blindverkostet wohl kaum. Nun ist sie hier kurzfristig eingesprungen, und das hat sie sehr gut gemacht.

Riesenorchester mit Sahne

Dass die Staatskapelle als Opernorchester das alles auch kurzfristig sicher begleiten kann, konnte man erwarten. Daniel Barenboim hatte aber schon der Ehrgeiz, mehr als Routine abzuliefern. Manchmal war das Orchester im Ausdruck sogar stärker als die Sängerin.

In den beiden Verdi-Ouvertüren hat das Orchester dann aber wirklich aufgedreht. Hier ging es um Brillanz, die Streicher messerscharf, bei den Höhepunkten explodierten ganze Batterien mit Feuerwerk. Handwerklich war da wenig zu bemängeln, nur muss man die Frage stellen, ob es so pathetisch sein musste, wo Verdi doch ohnehin emotional nicht gerade wenig zu bieten hat. Klar hat das Riesenorchester damit Jubelstürme hervorgerufen, aber so rammbockartig hätte Daniel Barenboim das nicht dirigieren müssen.

Utopie von Freiheit

Heimlicher Protagonist war allerdings der Rundfunkchor Berlin. Nun zählt das Opernrepertoire nicht zum Hauptbetätigungsfeld dieses Chores, und insofern durfte man gespannt sein, wie hier der allzu oft gespielte 2Gefangenenchor" aus Verdis Oper "Nabucco" klingen würde.

Und tatsächlich war das nicht der Schmachtfetzen, als den man das Stück häufig zu hören bekommt. Man bekam eine Ahnung, worum es hier wirklich geht: Da hörte man die Hoffnung, die Utopie von Freiheit. Das war plötzlich ganz schlank, kanpp, fast trocken, die leisen Stellen an der Grenze zur Tonlosigkeit und im Forte ein politisches Statement. Das hat wirklich berührt.

Der Blick ins 20. Jahrhundert

Damit nicht genug: Hauptwerk des Abends waren die Quattro pezzi sacri von Giuseppe Verdi. Eine Herausforderung für jeden Chor, denn hier versammelt der späte Verdi in seinen letzten Werken die Erfahrungen seines gesamten Komponistenlebens.

Der Rundfunkchor Berlin kann das alles: die schlichten a-cappella-Stücke, ganz alleine und trotzdem in tausend Facetten funkelnd, voller Wärme, dagegen die Ausbrüche im "Stabat Mater" und "Te Deum" voller Dissonanzen, fast schon ein Blick ins 20. Jahrhundert. Da war jeder Winkel der Philharmonie mit Klang gefüllt. Das war wieder einmal Gestaltungskultur vom Allerfeinsten. Dafür hat sich der Besuch wirklich gelohnt.

Andreas Göbel, kulturradio

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