Spectrum Concerts Berlin: Ensemble von links nach rechts Torleif Thedeen, Boris Brovtsyn, Jens Peter Maintz, Gareth Lubbe, Yura Lee und Clara-Jumi Kang
Adil Razali
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Kammermusiksaal der Philharmonie - Spectrum Concerts Berlin

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Die Kammermusik von Erich Wolfgang Korngold ist nach wie vor ein Geheimtipp. Wie sich dessen Streichsextett lohnen kann – vorausgesetzt, man hat ein herausragendes Kammermusik-Ensemble – wurde hier unter Beweis gestellt.

Selten gespielte Kammermusik – das ist ein Markenzeichen von "Spectrum Concerts", und da lässt sich der Künstlerische Leiter Frank Dodge auch nicht beirren. Zwar ist der Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie nicht einmal zur Hälfte gefüllt, aber immerhin sitzen 550 Leute im Publikum, was angesichts dieser unbekannten Musik gar nicht mal schlecht ist. Und auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer hat es in dieses Konzert gelockt.

Wie schwer es ist, Korngolds Musik zu besetzen, zeigte dieser Abend: Eigentlich war auch dessen frühes Klaviertrio angesetzt, aber die Pianistin musste kurzfristig absagen, und so schnell findet man für diese unbekannte Literatur eben keinen Ersatz. So gab es statt dessen das zweite Streichsextett von Johannes Brahms, aber das Korngold-Trio wird im Herbst nachgeholt – man will das alles auch aufnehmen und auf CD herausbringen.

Frühreifes Genie

Schon als Teenager hat Erich Wolfgang Korngold vollendete Werke komponiert. Sein Streichsextett entstand mit noch nicht einmal zwanzig Jahren. Hier ist handwerkliche Meisterschaft gepaart mit jugendlicher Unverschämtheit. Da hat Korngold alles um sich herum aufgesogen: Brahms oder Richard Strauss, ganz der Spätromantik verhaftet mit süffigen Melodien.

Allerdings zeigt sich auch bald die herausgestreckte Zunge: Da klingt ein Thema, als ob daraus eine trockene Fuge entstehen würde – und wird zu einem wunderschönen Liebesthema. Da klingt schon der großartige Opernkomponist und – nach seiner Emigration in die USA – der gefeierte Filmmusikkomponist an. Ein bisschen Wiener Walzer wird verschaukelt und die Gute-Laune-Musik am Schluss mit ein paar Störattacken hinterfragt. Ernst und Spaß finden hier auf engstem Raum statt. Hier zeigt jemand seine Muskeln und präsentiert sich als Alleskönner: genial und unterhaltsam zugleich.

Großartige Virtuosen

Ein Grund, warum diese Musik fast nie gespielt wird, ist ihre Schwierigkeit. Da braucht man sechs großartige Virtuosen. Und die hat man hier – alle bewältigen das mit Leichtigkeit. Da ist der große Ton vorhanden, so dass es schon gar nicht mehr nach Kammermusik, sondern nach großem Orchester klingt. Jeder kann darüber hinaus eine Melodie zum Dahinschmelzen gestalten.

Dabei hat es keiner von ihnen nötig, sich in den Vordergrund zu spielen. Man sieht – und hört natürlich, wie sie untereinander kommunizieren. Jeder weiß, mit wem er wo besonders eng zusammensein muss. Dass dieses Werk so überzeugen konnte, war auch dieser grandiosen Interpretation zu verdanken.

Zurücklehnen mit Rotwein

Da ist das zweite Streichsextett von Johannes Brahms sehr viel strenger. Diese ganzen Stilzitate und Eskapaden wie Korngold hätte sich Brahms nie gestattet. Gleichzeitig ist das Werk auch melancholischer, schließlich finden sich darin auch Nachklänge einer wieder gelösten Verlobung.

Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten: Hier wie da beansprucht jede Stimme Eigenständigkeit, dann aber sind alle sechs gefordert, einen gemeinsamen Klangraum zu erschaffen. Und es soll niemand meinen, Brahms habe weniger Ausdruck. Es gibt Stellen, bei denen man sich einfach zurücklehnen kann. Ein guter Rotwein dazu, und die Welt ist wieder in Ordnung.

Glück mit Feuerschweif

Auch hier konnten alle sechs Musikerinnen und Musiker überzeugen. Da waren die Stimmen am Beginn fast durchsichtige Seidenfäden, und auch die folgende Verdichtung verklumpte nicht, sondern ließ Luft dazwischen. Dann aber nahmen sie alle Brahms von der emotionalen Seite mit einer klanglichen Wucht, dass man bei dem akustischen Feuerschweif mitunter zusammenzuckte.

Das kann man nur so packend spielen, wenn man sich so gut versteht. Einen der Musiker muss man in Sachen Zusammenspiel dann doch hervorheben: Der Cellist Jens Peter Maintz beeindruckte, wie er in die Runde kommunizierte, fast mehr zu den anderen blickte als in seine Noten. Auch diese Interpretation war einfach nur beglückend.

Andreas Göbel, kulturradio

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