Rafał Blechacz
Deutsche Grammaphon © Felix Broede
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Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal - Rafał Blechacz, Klavier

Bewertung:

Bei seinem jüngsten Auftritt in Berlin erweist sich der Chopin-Preisträger Rafał Blechacz als sicherer Chopin-Interpret. Daneben jedoch scheint er immer noch sehr auf der Suche zu sein.

Bei Frédéric Chopin lässt Rafał Blechacz nichts anbrennen. Wenn er die "heroische" Polonaise an den Schluss des Abends setzt, hat er ein repräsentatives Finalstück, in das er genussvoll hineingreift. Viel Fleisch, wenig Gemüse.

Das kann man so spielen, allerdings bleibt doch eine gewisse Harmlosigkeit. Dass Chopins reife Polonaisen auch immer den Freiheitskampf der Polen gegen die russische Besetzung als Hintergrund mitempfinden, lässt Blechacz außen vor. Hier bleibt es ein brillantes Stück, publikumswirksam dargeboten.

Große Gestaltungskunst

Wie sehr sich der Chopin-Preisträger Rafał Blechacz bei diesem Komponisten zu Hause fühlen kann, hat er mit vier Mazurken bewiesen. Chopin nimmt hier den polnischen Tanz und formt ihn so subjektiv um, dass vom Tänzerischen oft nicht mehr viel übrigbleibt. Das ist ein ständiges Innehalten, mal melancholisch, dann wieder aufbrausend.

Blechacz trifft dieses Balancieren am Abgrund. Das sind keine kleinen Charakterstücke mehr, die jeder spielen kann, sondern es besteht immer die Gefahr, die Beherrschung zu verlieren. Wenn aus zahllosen Anläufen zu singen am Ende ein einzelner verklingender Ton bleibt, ist das große Gestaltungskunst, wie Blechacz das Werk ins Nichts führt. Man merkt, dass diese Stücke ganz durch Rafał Blechacz hindurchgegangen sind.

Rekordverdächtiges Tempo

Wie sehr Rafał Blechacz immer noch auf der Suche ist und wie er da mitunter über das Ziel hinausschießt, zeigte sich in Robert Schumanns g-Moll-Sonate. Das ist ein sehr knappes Stück, voller Wildheit und Unkontrolliertheit. Um das darzustellen, braucht es aber sehr viel Überlegung und Kontrolle.

Blechacz ist diese Musik komplett entglitten. Er rast das Werk in rekordverdächtigem Tempo herunter. Technisch kann er das problemlos. Aber man hat wenig davon, wenn man kaum noch Strukturen, Linien, Entwicklungen verstehen und nachvollziehen kann. Wo es in der Romantik gerne fast schon klischeehaft Klangwogen gibt, war das eher ein Wasserrohrbruch, komplett missglückt.

Nur halb

Immer wieder begibt sich Rafał Blechacz auch auf das Feld der Wiener Klassik. Vor einiger Zeit hat er eine CD mit Haydn, Mozart und Beethoven herausgebracht, die eher von einiger Unentschiedenheit in der Interpretation kündete. Auch diesmal wird nicht klar, wohin Blechacz mit Wolfgang Amadeus Mozarts Musik will. Den melancholischen Grundgestus des a-Moll-Rondos trifft er noch ganz gut, dann aber wird es hastig und hektisch, Töne wirken wie verschluckt.

Noch mehr scheinen die vielen Noten in Mozarts a-Moll-Sonate oft nur technisch sauber bewältigt zu sein. Da hört man mitunter seinen großartigen Anschlag, es leuchtet und glitzert. Und dann passiert wieder lange Zeit eigentlich gar nichts. Das ist allenfalls halb gelungen.

Noch nicht bei sich

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Ludwig van Beethovens Sonate op. 101, die er zutreffend von der Struktur her anlegt: drei Anläufe, bevor ein wuchtiges Finale folgt. Da hat Blechacz originelle Einfälle, lauscht mal einem Gedanken hinterher. Aber immer, wenn er eine durchaus wirkungsvolle Spannung aufgebaut hat, lässt er es einfach laufen und arbeitet wieder nur Töne ab. Die Symbiose aus Kopf und Herz will nicht funktionieren.

Sicher, Rafał Blechacz hat bereits eine erfolgreiche Karriere hingelegt. Aber ganz an der Spitze ist er noch nicht angekommen. Äußerliches Kennzeichen ist der bei weitem nicht ausverkaufte Saal. War er enttäuscht und spielte deswegen nur eine Zugabe? Er ist mit bald 34 Jahren noch jung und hat Zeit, an sich zu arbeiten, aber dass er da noch einen Weg vor sich hat, wurde deutlich.

 

 

Andreas Göbel, rbbKultur

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