Anne-Sophie Mutter; © Bastian Achard
Bastian Achard
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Philharmonie Berlin - Anne-Sophie Mutter und das Kammerorchester Wien-Berlin

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Wenn Anne-Sophie Mutter in Berlin gastiert, ist das für ihre Fans ein Pflichtprogramm und der Saal nahezu ausverkauft. Diesmal widmet sich die Geigerin Mozarts Violinkonzerten – und treibt auch diese in die Extreme.

 

Anne-Sophie Mutter ist ein Phänomen – seit vier Jahrzehnten ist sie nahezu ununterbrochen präsent und gefeiert, auch bei ihrem jüngsten Konzert in der Berliner Philharmonie. Trotz Kartenpreisen von bis zu 150 Euro ist der Große Saal mit über 2.000 Plätzen gefüllt. Am Ende gibt es fast schon erwartungsgemäß Jubel, stehende Ovationen bis hin zu Grölen und begeistertem Pfeifen.

Sogar ein übermotivierter Fan kommt auf die Bühne, will der überraschten und abwehrenden Geigerin gleich zwei Blumensträuße überreichen und drückt ihr sogar eine silberne Krone aufs Haupt. Das gibt es wirklich selten.

Tournee-Programm

Dabei hatte der Abend durchaus etwas Hektisches, als wolle man das Programm so schnell wie möglich hinter sich bringen. Das ist ein Tournee-Programm – in den nächsten Tagen spielt man drei Abende in Spanien. Ging der Flieger früh, so dass alle schnell ins Bett wollten? Auf jeden Fall wurden die Werke durchgepeitscht. Nach jedem Satzschluss blickte Anne-Sophie Mutter ungeduldig zum Konzertmeister, bis alle umgeblättert hatten und es endlich weitergehen konnte.

Oft begann man fast schon in den Auftrittsapplaus – kaum eine Verbeugung, und es ging los. Selbst bei der kleinen Sinfonie wurden die meisten Wiederholungen gestrichen, die zwei Zugaben in Rekordtempo absolviert. Man wollte fertig werden, und so etwas hinterlässt dann schnell den Eindruck von Routine.

Zwischen Übergewicht und gut dosiert

Anne-Sophie Mutter hält nichts von historisch informierter Aufführungspraxis, das wurde auch diesmal deutlich. Sie präferiert einen breiten, dichten, dicken Geigenton, oft gefühlte zwanzig Kilo zu schwer. Seit Jahren hört man inzwischen das gleiche Problem bei ihr: Die Intonation ist oft kritisch, die Interpretation in die Extreme getrieben.

Ihr Geigenton hat bisweilen etwas Aufdringliches und Ordinäres – obwohl es diesmal auch erfreulich viele hörenswerte Momente gab. Da konnte man tatsächlich von melodischer Gestaltung sprechen, und der Ausdruck wirkte klug dosiert.

Zwischen Motorsäge und Rosamunde Pilcher

Sicher: Mozart hat in seinen Werken immer Theaterblut – auch in seiner Instrumentalmusik. Und nichts ist schlimmer als seine Stücke glatt, brav und nichtssagend zu spielen. Die Frage ist eben nur, wie subtil man das alles angeht. Da spielt Anne-Sophie Mutter im A-Dur-Violinkonzert den langsamen Solo-Einleitungsteil angenehm sanft, nur um dann im folgenden Allegro so schiefe Töne zu produzieren, dass man unwillkürlich zusammenzuckt.

Oft gibt es nur die gegenteiligen Pole: entweder zur Karikatur verzerrt oder süßlich. Anders ausgedrückt: entweder Motorsäge oder Rosamunde Pilcher – beides geht an Mozart vorbei.

11 Wiener gegen 6 Berliner

Das Kammerorchester Wien-Berlin, bestehend aus elf Wiener und sechs Berliner Philharmonikern, ließ nichts anbrennen, fand zu einem etwas sahnigen, sehr pauschalen Klang. Man war zusammen, aber bei den Violinkonzerten oft nur die Begleitung für die Stargeigerin. Wenn sie das Heft an sich riss, war das Kammerorchester abgemeldet.

Mozarts nach der offiziellen Zählung erste Sinfonie, mit neun Jahren komponiert, spielte das Orchester alleine. Und da wurde deutlich, dass man kein Originalklangensemble ist. Das war alles eine Spur zu schwer und zu behäbig, im langsamen Satz schöne abgedämpfte Momente, aber in den Steigerungen zu schwergewichtig. Funktioniert hat auch das – es sind alles Vollprofis, aber auch als Profi kann man langweilig spielen.

Der Abend war ohnehin für die Fans von Anne-Sophie Mutter konzipiert. Da blieb das Kammerorchester – und leider auch Mozart – zu oft Nebensache.

Andreas Göbel, rbbKultur

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