Dirigent Bernard Haitink am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks; © BR/Todd Rosenberg
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Philharmonie Berlin - Berliner Philharmoniker unter Bernard Haitink

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Bernard Haitink ist 90 Jahre alt – und schon längst eine lebende Legende. Und so hat er jetzt bei den Berliner Philharmonikern eine glücklich machende siebte Sinfonie von Anton Bruckner dirigiert.

Den Anfang aber machte ein Debütant: Der britische Pianist Paul Lewis ist – mt Ende 40 – auch schon einige Zeit im Geschäft und bislang hervorgetreten durch zyklische Aufführungen und Einspielungen der Klaviersonaten von Beethoven und Schubert. Dennoch ist er immer irgendwie ein Geheimtipp geblieben.

Lewis ist ein Interpret, der überhaupt nicht auf Äußerlichkeiten setzt. Statt Virtuosenpranke pflegt er ein poetisches Spiel. Und das ist für Wolfgang Amadeus Mozarts letztes Klavierkonzert eigentlich genau das Richtige. Das ist ziemlich in sich gekehrt und verzichtet auf Showaktionen. Und Paul Lewis hat auch dafür den richtigen Anschlag, kann aus jedem Einzelton ein Ereignis zaubern, blankgeputzt für die Vitrine.

Die Zugabe berührt

Dennoch bleibt alles beim reinen Schönklang, ein bisschen gedeckt und alles in Ordnung. Nur hört man nach ein paar Minuten nicht mehr so recht hin. War Mozart ein langweiliger Komponist? Nein, natürlich nicht, aber in dieser Aufführung klingt er so. Alles bewegt sich irgendwie in der Mitte, ohne große Höhepunkte. Das war auf hohem Niveau zum Gähnen.

Gab es zu wenig Probenzeit mit dem Orchester? So richtig zusammen war man oft auch nicht. Hat Paul Lewis zu sehr auf eine Diplomaten-Variante gesetzt? Wie musikalisch er wirklich gestalten kann, hat er in der Zugabe bewiesen mit einem kurzen späten Allegretto von Franz Schubert. Das war sanglich, in tausend Facetten getaucht und mit Pausen, dass man den Atem angehalten hat. Ein Leuchten unter Tränen, Schubert halt, und fast nicht mehr auszuhalten, wenn es von Moll nach Dur geht. Nach diesen vier Minuten war die Welt wieder in Ordnung.

Bernard Haitink

Nach der Pause widmete sich Bernard Haitink Anton Bruckner. Das sagt sich so leicht, und es war eigentlich alles wie immer. Dennoch muss man sich eines vergegenwärtigen: Der Dirigent ist inzwischen 90 Jahre alt. Seine große Zeit als Chefdirigent des Concertgebouw-Orchesters in Amsterdam liegt nun auch schon mehrere Jahrzehnte zurück, und bei den Berliner Philharmonikern ist er seit über einem halben Jahrhundert regelmäßig zu Gast.

Sicher muss er ein wenig seinem Alter Tribut zollen. Er benützt einen Stock zum Gehen und hat einen kleinen Stehhocker für die lange Sinfonie. Ansonsten aber ist er der zurückhaltende, ganz der Sache dienende Dirigent. Die siebzig Minuten dirigiert er wie immer, mit knappen Bewegungen, ganz unscheinbar. Bei den Höhepunkten breitet er ein wenig die Arme aus. Das genügt.

Einer der großen Bruckner-Dirigenten

Nach der Pause hat man ein ganz anderes Orchester erlebt. Die Berliner Philharmoniker spielen für Bernard Haitink. Und so entsteht in Bruckners siebter Sinfonie eine Sogwirkung mit Energiewellen – man fühlt sich wie in einem Flugzeug beim Abheben vom Boden.

Warum Haitink einer der großen Bruckner-Dirigenten ist, konnte man hier exemplarisch erleben. Wo viele mit dessen Musik Probleme haben, weil so viel scheinbar unverbunden nebeneinander steht, nimmt Haitink die Gegensätze: das Schwelgen und die brutalen Ausbrüche und verbindet sie, so dass man es vor Spannung kaum aushält. Er interpretiert nichts hinein, sondern gibt der Musik einfach Raum. Da wirkt die Philharmonie noch einmal doppelt so groß.

Ein großer Abend

War das vielleicht ein Abschied vom Berliner Publikum? Bernard Haitink ist 90 Jahre alt, und in der kommenden Saison taucht sein Name bei den Philharmonikern nicht auf. Da hatte dieser Abend etwas von einer Feier seines Lebenswerkes.

Das Orchester ist sitzen geblieben, hat ihm den Beifall überlassen, und selten spürte man eine solche Sympathie des Orchesters gegenüber einem Dirigenten. Das Publikum spendete stehende Ovationen – sicher auch weil man nicht weiß, ob man ihn noch einmal in Berlin erleben wird. Ein Abschied? Man weiß es nicht. Eines aber ist sicher: Das war auf jeden Fall ein großer Abend.

Andreas Göbel, rbbKultur

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