Mathi in rock pool
Jorge Leon
Bild: Jorge Leon Download (mp3, 4 MB)

Hebbel am Ufer - HAU 2 - Simone Aughterlony: "Maintaining Stranger"

Bewertung:

Wie zwischenmenschliche Beziehungen und Gemeinschaften entstehen und nach welchen Regeln sie funktionieren, das ist ein bestimmendes Thema derzeit in der Tanz- und Performance-Szene.

So auch bei Simone Aughterlony, der Choreographin, Regisseurin und Autorin, ursprünglich aus Neuseeland, die jetzt in Zürich und Berlin lebt. Oder geht sie in eine ganz andere Richtung? Immerhin heißt ihr neues Stück "Maintaining Stranger", also Fremde bleiben oder Fremd bleiben. Gestern hatte es als Deutsche Erstaufführung Premiere in Berlin.

Einöde im Nirgendwo zu unbestimmter Zeit

Simone Aughterlony ist ihr Thema mit einem postmodernen Trip in einer postapokalyptischen Welt angegangen. Hier sind alle Fremde und Gestrandete und man weiß und erfährt auch nicht, wo und wann das alles sich ereignet, wie diese sechs Personen hierher gelangt sind und was sie hier wollen. In dieser Einöde aus Felsen und Geröll, wobei einige Fels-Formationen an Grotten erinnern und Plexiglas-Aquarien in sich bergen, mit Dampf oder milchigem Wasser gefüllt – alles sieht auf dem braunen Boden künstlich arrangiert und zufällig zugleich aus. Eine Landschaft im Nirgendwo zu einer unbestimmten Zeit mit Bühnenfiguren, die ebenso ungreifbar wie unbegreifbar bleiben.

Fluide Existenzen mit wechselnden Identitäten

Vier Frauen und zwei Männer tummeln sich hier, wobei diese Zuordnung schon ungenau ist, denn die jungen Frauen tragen Stiefel, Turnhosen, Jacken, einer der Männer präsentiert eine Trans-Identität, der andere gibt einen etwas verwirrten Punk – in Kontrast-Setzung zu einer binären Geschlechts-Zuordnung sind das fluide Existenzen mit wechselnden Identitäten.

In den Texten – hier wird viel gesprochen, alles in englischer Sprache, nicht immer gut zu verstehen und nur selten scheint das Absicht zu sein – in den Texten geht es um Träume und Visionen, bruchstückhafte Erinnerungen und Alltagsszenen: ein Besuch in einem Sportstudio oder einer Performance in einem Museum. Aber auch diese Texte machen die Figuren nicht deutlicher, sie bleiben schemenhaft im Ungefähren. Und ihre Begegnungen sind ähnlich vage, nur vorübergehend und vorläufig. Es sind Figuren in Übergangsstadien und in Bindungslosigkeiten, scheinen damit jedoch zufrieden zu sein, scheinen sich nichts anderes zu wünschen.

Deftige Perfomance-Aktionen

Zu alldem wird selten getanzt, wenn, dann selbstgenießerisch für sich allein, ein autoerotisches Wiegen in den Hüften, Schritten, Hüpfern, Drehungen zu einer live an Computer, Gitarre und Trommel gespielten Musik, die zwischen Elektro-Sound-Wolken, Elektro-Punk und Gitarren-Pop und allerhand Störgeräuschen changiert.

Zumeist gibt es Performance-Aktionen oft recht deftiger Natur, eine Frau rasiert sich den Schambereich, Aughterlony selbst spielt die ganze Zeit mit einem Fisch-Kadaver, schlägt ihn etwa einer anderen Frau auf den nackten Po – vieles ist recht analfixiert, was einem Spiel mit üblichen Sexualnormen gleichkommt – wie etwa das genüssliche Saugen einer Frau an der Brust einer anderen und all das Schnuppern und Schlecken an entblößten Hintern.
Das ist alles jedoch nicht als Provokation gesetzt, sondern wird als entspannte Alltäglichkeit gezeigt. Die üblichen Normen und Regeln gelten hier nicht, so die Botschaft und in der Selbstverständlichkeit der Präsentation steckt die Kritik am derzeit als allgemeingültig behaupteten Regelwerk für Intimität und Sexualität.

Hahn Niall
Bild: Jorge Leon

Trip in rätselhafte Welt der Flüchtigkeiten

Dies alles hat Simone Aughterlony sehr gut, mitunter etwas zu routiniert in Szene gesetzt. Sie erzeugt punktgenau Spannungen, Stimmungen und Atmosphären – das ist ein 80-Minuten-Trip in eine rätselhafte Welt der Flüchtigkeiten und seltsamen Ereignisse, die sich scheinbar zufällig ergeben und wieder vergehen. Aughterlony erschafft hier einmal mehr Räume mit anderen Rahmenbedingungen für Individuen und Gemeinschaften und deren Aktionen.

Allerdings ist hier alles Material: die Performer und ihre Körper, die Figuren und ihre Identitäten, die Texte in ihrer Alltäglichkeit oder hermetischen Lyrik, die Musik, die sich stilistisch nicht festlegen will, die Inszenierungsmittel, die zwischen Tanz, Performance, Theater, Konzert und Spoken Poetry wechseln. Und da alles völlig unterspannt und undramatisch, alles vorläufig und beiläufig präsentiert wird, da es keine Storyline gibt, keine Beziehungen untereinander entstehen, drohen Spannungslöcher, die Aughterlony nicht immer zu füllen vermag. Das Interesse an den Ereignissen auf der Bühne erlahmt immer mal wieder.

Dechiffrieren von Performance- und Queer-Therorie

Zudem scheint sie sich erneut – und das ist bei ihren bisherigen Stücken oft der Fall gewesen – eher an ein akademisches und Szene-Publikum zu wenden, das ihre Reflexionen zu Performance- und Queer-Theorie zu dechiffrieren und zu genießen vermag. So wie die Figuren auf der Bühne letztlich einander Fremde bleiben, so bleiben auch die Zuschauer Fremde, die das Geschehen je nach eigener Kenntnis und Lust als Beobachter verfolgen.
Am Ende kurzer wohlwollender Applaus und ein durchaus verständlicher Drang, schnell nach draußen zu kommen, in den lauen Mai-Abend, zu Bier und Wein und Gesprächen mit Menschen, die keine Fremden bleiben wollen und sollen.

Frank Schmid, rbbKultur

Weitere Rezensionen