100 Jahre Bauhaus | Formas Breves | Lia Rodrigues
Sammi
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Tanztage Potsdam - Lia Rodrigues (Rio de Janeiro): "Formas Breves"

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Die Potsdamer Tanztage haben sich seit ihrem Start 1991 zu einem der herausragenden Tanzfestivals in Deutschland etabliert. Bis zum 24. Mai ist nun wieder die internationale Tanzszene in Potsdam anzutreffen.

"100 Jahre Bauhaus" – auch die Potsdamer Tanztage stehen in diesem Jahr der Erinnerung an das Bauhaus unter diesem Motto. Die Mehrheit der eingeladenen Choreographien widmet sich der Erinnerung an und der Auseinandersetzung mit den damaligen Kunst- und Kultur-Revolutionen aus Weimar und Dessau. So auch das Stück "Formas Breves", "Kurze Formen" der brasilianischen Choreographin Lia Rodrigues. Gestern hatte die Neufassung ihres Stückes Premiere in Potsdam.

100 Jahre Bauhaus | Das Triadische Ballett | Schwarze Reihe | Alisa Bartels, Alexander Bennett & Nicholas Losada
Bild: Wilfried Hösl

Oskar Schlemmer und das "Triadische Ballett"

Lia Rodrigues hat das berühmte "Triadische Ballett" von Oskar Schlemmer aus dem Jahr 1922 und seine grundsätzlichen Ideen zu Tanz und Theater als Vorlage für diese Choreographie genommen, die bereits 2004 in Potsdam und Berlin zu sehen war und die sie nun überarbeitet hat. Ihr Stück ist wie ein Kommentar, eine Befragung von Oskar Schlemmers Umwandlungen von Körpern und Bühne.
Mit der Rekonstruktion des "Triadischen Balletts" aus den 1970-er Jahren durch Gerhard Bohner wurden die Potsdamer Tanztage am Dienstag auch eröffnet. Und diese exzellente Aufführung des Bayerischen Junior Balletts München hat noch einmal klar gemacht, welche radikale Neuerungen und Neudeutungen des Tanzes und der Bühnenkunst Oskar Schlemmer vorgenommen hatte.

100 Jahre Bauhaus | Das Triadische Ballett | Gelbe Reihe | Florian Sollfrank
Bild: Wilfried Hösl

Kunstfiguren, Figurinen - Verfremdungsspektakel

Bei Schlemmer verschwindet z.B. das Individuum und was bislang mit ihm im Tanz erzählt wurde, er stellt abstrakte Kunstfiguren, Figurinen in phantastischen bunten Kostümen auf die Bühne, in Kugel-, Kegel-, Zylinder-Formen, in Gestellen aus Tüll, Seide, Draht und Pappmaché. Und alles, die Körper und wie sie sich im Raum bewegen, folgt den geometrischen Grundformen Kreis, Quadrat, Dreieck. Das ist ein farbenfrohes Verfremdungsspektakel, eine radikale Abwendung vom Klassischen Ballett und eine Neudeutung des Menschen auf der Bühne, der sich quasi im Kostüm auflöst, das zudem seine Bewegungs-Möglichkeiten noch erheblich einschränkt. Das "Triadische Ballett", ein Meilenstein der Kunst- und Tanzgeschichte, wahrlich Tanzerbe, wurde auch am Dienstag vom Publikum der Potsdamer Tanztage bejubelt.

100 Jahre Bauhaus | Formas Breves | Lia Rodrigues
Bild: Sammi

Blick aus der Gegenwart auf Ideen der Vergangenheit

Lia Rodrigues folgt in "Formas Breves" Schlemmers Formprinzipien und durchbricht diese zugleich. Auch ihr Tanz folgt geometrischen Strukturen, aber sie löst sie auf. Ihre Tänzer sind zwar ebenfalls Objekt und Skulptur, aber zugleich auch Menschen mit Eigenschaften, Charakteren, körperlichen Eigenheiten – dicklich oder dürr, zart oder massig und sie sind zumeist nackt. Die Körperhaltungen und Bewegungen sind orientiert an Linien, Kreisen und Winkeln, aber es gibt auch freien Tanz, wie eine Art Austoben zu rhythmischer House-Music - eine der wenigen Szenen, in denen alle neun Tänzer auf der Bühne sind, ansonsten sind sie zumeist allein und bewegen sich in völliger Stille. Es gibt nur dieses eine Mal Musik und diese ist dann populär, rauschhaft und wird für eine Club-Tanz-Szene genutzt, für Ekstase in der Gruppe.

Wo bei Oskar Schlemmer das Individuum in den Hintergrund tritt und wo nach seiner Theorie mit maximal drei Tänzern auf der Bühne das Kollektiv beginnt, setzt Rodrigues die Masse ein, in der das Individuum sich auflöst – ein Blick aus der Gegenwart auf eine Idee der Vergangenheit.

Umwandlung, Verwandlung von Körpern

Das Thema der Umwandlung und Verwandlung von (Bühnen-) Körpern inszeniert Rodrigues z.B. ebenso mit Spotlight von oben und mit Tänzerinnen, die sich biegen und krümmen und die durch den Schattenwurf und die Verkrümmungen zu kubistischen Figuren oder Phantasie- und Fabelwesen werden. Dabei stehen sie auf einer sehr kleinen kreisrunden Plattform, die von zwei anderen gedreht wird, so dass sie wie Objekte einer Ausstellung oder eines Museums wirken. In einer anderen Szene verkrümmt eine nackte Tänzerin sitzend mit dem Rücken zu uns ihren Körper derart, dass die Formen, die Oskar Schlemmer in seinen Figurinen gezeigt hat: Viereck des Brustkastens, Kreis des Bauches, Zylinder von Hals, Kopf, Haaren wieder erkennbar sind.
Lia Rodrigues greift also die Formideen von Schlemmer auf und interpretiert sie auf ihre Weise zeitgenössisch neu und das konsequent und bildstark, phantasievoll und in strenger Klarheit und mit wunderbar lakonischem Humor zugleich.

Protestplakate gegen neue brasilianische Regierung

Lia Rodrigues ist jedoch auch eine politisch engagierte Künstlerin, das war bei ihren vielen Gastspielen in Berlin und Potsdam immer wieder zu erleben. Und nicht umsonst hat sie 2003 mitten in einer der größten Favelas von Rio de Janeiro in einem leerstehenden Warenhaus ihr Kunstzentrum eröffnet, bietet dort Tanz- und Theater- und Musikkurse, Nachhilfe-Unterricht, ein Zuhause für Kinder und Jugendliche. Sie gehört mit ihren 63 Jahren zu den scharfen Kritikern des neuen brasilianischen Präsidenten. Und so war es keine Überraschung, dass die Tänzer beim Schluss-Applaus Plakate in die Höhe gehalten haben: für Demokratie in Brasilien, der Staat sei ein Mörder, es werde gestreikt gegen die 30-Prozent-Kürzungen in den Budgets für Universitäten und Schulen in Brasilien, ist da zu lesen. Eine beeindruckende Choreographie und ein klares politisches Statement.

Frank Schmid, rbbKultur

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