Staatsoper Unter den Linden: Rigoletto © Brinkhoff/Mögenburg
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Berliner Staatsoper - "Rigoletto"

Bewertung:

Seit seinem Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera 2009 wird Michael Fabiano als Ausnahmekünstler gefeiert. Jetzt ist der Startenor erstmals an der Staatsoper Unter den Linden zu erleben.

Verdis "Rigoletto", wie wir gutgelaunt feststellen, ist eine klassische Berliner Triplette. Die Komische Oper hat ihre eigene Barrie Kosky-Version des Werkes. An der Deutschen Oper läuft erfolgreich immer noch eine Inszenierung von Jan Bosse. Die ist zwar nicht gut. Aber das Werk ist so dermaßen nicht totzukriegen, dass auch die Staatsoper sich hiervon eine Speckscheibe abschneiden wollte. Sie darf sich freuen, dass ihre Neuproduktion schon heute so aussieht, als sei sie 20 Jahre alt. Was heute schon von gestern ist, wird es auch morgen noch sein. Dumm nur, dass man das Ding mit der Metropolitan Opera koproduziert hat, wohin es nur allzu bald entschwindet. Andererseits besser so.

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Vokale Körperverletzung

Regisseur Bartlett Sher hält das Spätrenaissance-Mantua für einen Vorschein der Weimarer Republik. Kreischrote Wandgemälde von George Grosz oder Otto Dix schmücken die Palastwände des schwerenöterischen Herzogs. Hofnarr Rigoletto ist sein Spion mit expressionistischer Kriegsbemalung. Der leichte "Babylon Berlin"-Anstrich scheint allzu berechnet und draufgesetzt. Die Aufführung ist mit links gemacht und verbindet sich mit dem Werk kein bisschen.

Für "Rigoletto" braucht man drei Weltklasse-Sänger. Man hat sie. Michael Fabiano – kontrovers, denn er kriegt schon bei laufender Premiere einige Buhs – singt mit prunkend angelegtem Tenor-Blechpanzer. Großartige stimmliche und Bühnen-Präsenz bei erhöhtem Testosteron-Ausstoß. Mir hat das gefallen. Christopher Maltman in der Titelrolle klingt wie ein tiefergelegter Herzog: ein Verführer im räudigen Clownskostüm; fast, aber nur fast zu gesund für die brüchige Figur. Nadine Sierra, als Gilda gefeiert, bringt einen eng taillierten, leicht verstrahlten Damen-Sopran mit – hörbar auf dem Weg zu höheren Aufgaben. Schön und gut, nur dass besonders die Männer so sehr "draufhalten", also fortissimo singen, dass es an vokale Körperverletzung grenzt. Das berühmte Quartett im 3. Akt erinnert wahrlich nicht an ein Streichquartett, sondern an vokales Catch-as-catch-can zu viert. Ziemliche Verrohung.

Ein inszenatorischer Rohrkrepierer

Regelmäßig lädt die Staatsoper bekannte Leute für ein "Probedirigat auf Engagement" ein; schließlich sucht man auf mittlere bis kurze Sicht einen Nachfolger für Daniel Barenboim. Dabei bevorzugt man interessanterweise Dirigenten fast ohne Opern-Erfahrung. Was in der Vergangenheit z.B. bei Gustavo Dudamel und Alondra de la Parra zu schlimmsten Bauchlandungen führte. So auch hier. Die Staatskapelle spielt wunderfein; nur wird sie von Andrés Orozco-Estrada in ein festes Bondage-System von Schnüren und Leinen eingesponnen und stranguliert. Orosco-Estrada atmet nicht mit. Eine kurzgehaltene Parlando-Oper ist das Ergebnis. Die schönsten Effekte verpuffen.

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In der Summe: Ein inszenatorischer Rohrkrepierer, der gutes Geld einbringen mag. Ein operndilettierender Dirigent, der seine großartigen Sänger zur Weißglut treibt. Und Applaus, der entsprechend schütter ausfällt. An diesem George Grosz-Tanz auf dem Vulkan haben sich alle die Finger verbrannt. Nur das Publikum bleibt kalt.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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