Vladimir Jurowski © Simon Pauly
Simon Pauly
Download (mp3, 3 MB)

Choriner Musiksommer - Eröffnung

Bewertung:

Sommerzeit ist Open-Air-Konzertzeit in Brandenburg. So zum Beispiel beim Choriner Musiksommer. Am Samstag wurde die Saison mit Haydns Oratorium "Die Jahreszeiten" eröffnet.

Chorin: Der Name besitzt natürlich einen ganz eigenen Zauber. Schon lange verbindet man mit dem Kloster keine geistliche Erbauung mehr, sondern eine künstlerische: Seit 1946 wird in der restaurierten Ruine musiziert, der Choriner Musiksommer hat sich als feste – und vom Land finanziell geförderten – Größe im Festivalkalender Brandenburgs etabliert.

Vergangenen Samstag wurde das diesjährige Festival eröffnet, mit dem Oratorium "Die Jahreszeiten" von Joseph Haydn. Das passt natürlich, ist doch Natur in all ihren Äußerungen in Chorin extrem präsent. Die Fenster und Bögen sind nicht mehr verglast, der Wind, das Rauschen, die Vögel – alles Teil des Chorin-Erlebnisses. Drinnen sitzen die Ticketbesitzer, außen lassen sich etwas preisbewusstere Besucherinnen und Besucher auf dem Gras nieder, mit Sekt oder Weißwein, und lauschen den Klängen, die aus dem Inneren ungehindert ins Freie dringen.

Herrlich der Chor

Trotzdem muss man natürlich Abstriche bei der Akustik machen, die Klosterkirche ist kein Konzertsaal, und so mancher Ton geht auf dem Weg zum Ohr verloren – zumal in Chorin ganz auf technische Verstärkung verzichtet wird. Was entschädigt: das einzigartige Gefühl, drinnen und zugleich draußen zu sein, an einem Ort mit fließenden Grenzen, der damit auch zum Symbol wird fürs Ineinandergreifen von Mensch und Umwelt, von Kunst und Natur. Haydn hat im letzten und einzigen nicht-sakralen seiner vier Oratorien den Zyklus des Lebens selbst vertont, das Panorama von Frühling bis Winter, den Ackerbauern und Schäfer, den Sonnenaufgang, auch ein veritables Gewitter ist dabei – das allerdings Beethoven später in seiner 6. Sinfonie deutlich überzeugender gelungen ist.

Vladimir Jurowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit gemäßigten, ja geglätteten Tempi, überfordert seine Zuhörerinnen und Zuhörer nicht mit zu forschem oder experimentellem Ansatz. Herrlich der Chor (Vocalconsort Berlin), der an diesem Nachmittag auf höchstem Niveau singt.

Henschel überstrahlt alle

Drei Solopartien sieht die Partitur vor. Topi Lehtipuu kann nicht überzeugen, sein Tenor hat an diesem Tag wenig Substanz und gerät schnell ins Eiern. Sopranistin Chen Reiss macht ihre Sache gut, überstrahlt aber werden alle von Dietrich Henschel. Der Bassist ist völlig in seiner Rolle, da spürt man die jahrelange Opernerfahrung. Seine Stimme hat immer einen gewaltigen Stich ins Archaische, der auch dieses Oratorium substanziell einfärbt. Man muss an den Jesus in Götz Friedrichs Inszenierung der Matthäus-Passion an der Deutschen Oper denken, den Henschel auch mal gesungen hat.

Übrigens kommt die Bigband der Deutschen Oper ebenfalls nach Chorin. Das Festival pflegt die schöne Tradition, Ensembles aus der Region einzuladen, aus Posen, Stettin, Leipzig. Wobei der Begriff "Region" auch etwas weiter gedacht wird, Prag ist dabei und als Special Guest die Regensburger Domspatzen. Und natürlich die Orchester aus Berlin. Zum Finale des Musiksommers tritt am 25. August das Deutsche Sinfonie-Orchester auf, unter anderem mit Camille Saint-Saëns Cellokonzert, Solist ist Daniel Müller-Schott.

Udo Badelt, rbbKultur

Weitere Rezensionen