Diana Damrau © Jürgen Frank
Jürgen Frank
Bild: Jürgen Frank Download (mp3, 4 MB)

Deutsche Oper - "Hamlet"

Bewertung:

Shakespeares Tragödie "Hamlet" ist für ein spektakuläres Finale bekannt, bei dem sämtliche Protagonisten tot auf der Bühne liegen. Doch man kann "Hamlet" auch mit "Happy End" präsentieren ...

Dass wir bei dem kaum je in Berlin zu sehen gewesenen "Hamlet" etwas verpasst haben, glaube ich schon. Das Werk von Ambroise Thomas ist ein Filetstück der französischen Oper – aus jener Umbruchphase irgendwo zwischen Grand opéra und Belle Époque, wo man sich von Wagner noch offensiv absetzen wollte; auch Gounod stammt von dort. Führt zu lyrischeren, aber unvermindert pompösen Tönen. Shakespeares "Hamlet" schnurrt zusammen auf höfische Ränke, Intrigen und ein Paar Bocksprünge. Kein Yorick, kein Rosenkranz & Güldenstern, Polonius und Hamlet dürfen ihr Leben behalten. Als "Burleske" verspottete man das dereinst.

Frenetisch gefeiert

Würden wir mehr als eine konzertante Aufführung verlangen, so warteten wir wohl vergebens. Auch hier ist die Aufführung Vehikel für die Sopranistin Diana Damrau, die in den letzten Jahren eine Art Nachfolgerschaft der konzertanten Aufführungen mit Edita Gruberova angetreten hat. Frenetisch wird Damrau gefeiert. Allerdings ist Ophélie nicht die Titelrolle. Damrau investiert etwas zu viel Belcanto-Primadonnenschaft – und wirft sich zur Wahnsinnsarie in ein grünlich glimmerndes Ungetüm. Schlimmeres allerdings lässt sich vom szenischen Wert nicht sagen.

Zwei Drittel der Miete trägt Hamlet selbst. Florian Sempey, mit Dürer-Langhaarmähne, trägt offenbar einen alten Gehrock aus den Restbeständen von Rudolf Mooshammer auf. Doch er ist einer der großen französischen Sänger, die zwanglos aus dem Barock-Repertoire hervorgegangen sind. Sein jugendlich lyrischer Held hat flüssiges Blei im Bariton, und kann damit für mächtig Ärger am dänischen Hof sorgen. Sehr gute Eloquenz, sehr schönes, besonderes Timbre und eine phantastische Durchschlagskraft! Schon wegen Florian Sempey lohnt der ganze Aufwand.

Vorzüglich besetzt

Auch Diana Damrau hat alles ehemals Grimassierende, Zierige des Singens abgelegt. Stattdessen kündigt sich leichte Säuerlichkeit im Timbre an. Sie ist sozusagen einen winzigen Tipp über ihren den Zenit hinaus. (Dieser ereignete sich vor einem Jahr in der konzertanten "Maria Stuarda", am selben Ort, und zwar nach der Pause.) Für die Wahnsinnsszene behilft sie sich mit maskenhafter, automatenartiger Lieblichkeit, als sei’s Olympia (in "Hoffmanns Erzählungen"). Verrücktheit und Verzweiflung der Rolle kriegt sie so nicht raus. In jedem Fall ist die Aufführung von vorne bis hinten vorzüglich besetzt. Nicht zuletzt durch Eve-Maud Hubeaux als Gertrud, einem grellen Vorschein der wunderbaren Mrs. Danvers aus Alfred Hitchcocks "Rebecca".

Ende gut, alles gut?

Dirigent Yves Abel ist bemüht, den Kuchen leicht und fluffig zu erhalten. Ausgezeichnete Bläser-Soli! Der Chor wackelt (wieder). – Ich schätze, man muss ein Opern-Fex (oder musikhistorisch interessiert) sein, um hier anzubeißen. Dann aber genießt man einen saftigen französischen Brocken, ohne kulinarischen Kater danach. Das war die letzte große Opernpremiere der (kaum mehr als mittelprächtigen) Saison. Ende gut, musikalisch alles gut.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

Weitere Rezensionen