Komische Oper Berlin: Roxy und ihr Wunderteam; © Iko Freese | drama-berlin.de
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Komische Oper Berlin - "Roxy und ihr Wunderteam"

Bewertung:

"Roxy und ihr Wunderteam", sehr erfolgreich uraufgeführt 1936 in Budapest, wurde vor Jahren schon zwei Mal wiederausgegraben (in Dortmund und Augsburg). Beide Mal mit geteiltem Vergnügen. Das Verrtrauen blieb. Zu Recht!

Es handelt sich um die wohl einzige Fußball-Operette der Musikgeschichte. Spielfeld-Maskottchen Roxy entführt eine ganze Mannschaft, um ihrem Waschlappen von Bräutigam zu entkommen. Am Plattensee begegnet man einem in gleicher Anzahl vorhandenen Mädchenpensionat. Wie das Leben so spielt! Das Werk enthält goldene Erkenntnisse wie: "Wer Gymnastik treibt, stets elastisch bleibt". Unmittelbar gefolgt vom "Lied über die Handarbeit". Auch das Wort "Freistoß" habe ich noch nie so obszön aussprechen gehört. Wir lernen: In dem Opus wurde ein neues Stadium des Operetten-Wahnsinns und der Operetten-Freizügigkeit erreicht.

Keine Maßanfertigung für die Pfisters

Für die Geschwister Pfister, bislang kaum fußballaffin, ist das eine Auftragsarbeit. Fräulein Schneider, hier köstlich zur Adele Sandrock, also zum Bewegungsdragoner der Operetten-Renaissance verwandelt, gibt die Aufseherin des Mädchenpensionats (und etliche kleine Rollen). Und ist wiederum die Witzigste.

Tony Pfister als Mittelstürmer und Mannschaftskapitän darf seine Drag-Roxy am Ende wirklich küssen. Ursli Pfister in der Titelrolle ist durch Kunst der Maske um schlankerhand 30 Jahre verjüngt. "Das verspielt sich...", sagt man in solchen Fällen am Theater. Frei nach dem Motto: "Frechheit, steh mir bei!" Hochprofessionelle Verarztung, durchaus. Allerdings keine Maßanfertigung für die Pfisters, die ich sämtlich schon in dankbareren Rollen bewundert habe.

Jazz-Brausepulver im Operetten-Badewasser

Musikalisch kann "Roxy und ihr Wunderteam" nicht mit anderen Paul-Abraham-Meisterwerken wie "Ball im Savoy" konkurrieren (geschweige denn mit "Viktoria und ihr Husar" oder "Die Blume von Hawaii"). Wieder wird viel Jazz-Brausepulver ins Operetten-Badewasser geschüttet. Irgendwann sprudelt's und kommt auf Touren, allerdings ohne erinnerbare Hits. Der Liebesdienst zahlt sich aus, indem wir es in Wirklichkeit – bei Dutzenden von Darstellern – mit einem musikalischen Massenspektakel zu tun haben. (Übrigens: mit Jörn-Felix Alt als durchaus spektakulärer Torwart-Entdeckung!)

Stefan Huber, eine Fachkraft, ist stets Haus- und Hofregisseur der Pfisters – so wie Danny Costello der Choreograf ist, der ihnen Beine macht. Der sehr aufwendigen Produktion muss man es lassen, dass Intendant Barrie Kosky tief in den Etat-Topf greifen ließ. Ein Fußball-Planet schwebt gigantisch über der Szene, ist drehbar und enthält im Inneren eine veritable, vollbesetzte Tribüne. Quietschbunt, originalverkorkt und zotig abgefüllt. Dem fehlt passgerecht jene Piefigkeit, die man Opas Operette – und ebenso Opas Fußball – einst vorhalten musste.

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Kleiner, feiner Triumph

Angesichts eines 13-fachen Happy-ends – absoluter Spitzenwert in der Gattungsgeschichte! – ist der Tatbestand des absurden Theaters voll erfüllt. Sprachliche Anzüglichkeiten stellen einen Schlag ins Gesicht der Dreißigerjahre dar. So wird's wichtig. "Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper", sagte man damals. Die lateinische Übersetzung "Mens sana in corpore sano" wird hier so wiedergegeben: "Ein Mann mit Sahne ist besser als ein Mann ohne Sahne." Es ist ein Witz, den man überall erzählen kann. Und ein Tritt zwischen die Hörner des damals aufkommenden Nazismus samt seiner sportlichen Ideale.

Wenn man bedenkt, dass diese Aufführung nur eine Station innerhalb einer Paul-Abraham-Werkschau ist, darf man den Abend getrost als kleinen, feinen Triumph verbuchen. Am Ende lacht man über Witze, die man nicht einmal verstanden hat. Hohe Schule.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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