Rudolf Buchbinder bei einem Besuch im kulturradio; Foto: Carsten Kampf
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Komische Oper Berlin - Sinfoniekonzert mit Rudolf Buchbinder

Bewertung:

Rudolf Buchbinder ist ein Phänomen. Selbst schon zum Klassiker geworden, bringt man ihn automatisch mit den großen Klassikern der klassischen Musik in Verbindung. Alle hat er sie mit Maßstäbe setzenden Interpretationen bedacht: Bach, Haydn, Mozart, Schubert Brahms.

Und vor allem: Beethoven! Das ist DER Komponist für Rudolf Buchbinder. In seiner Vita kann man lesen, dass er 39 (!) Gesamtausgaben der Beethoven-Klaviersonaten besitzt. Da kann man nur vor Neid erblassen. Wer da noch was Historisches auf dem Dachboden hat – bitte bei mir melden!

Fragen an Beethoven

Da könnte man natürlich denken, wenn sich jemand jahrzehntelang mit den Beethoven-Klavierkonzerten auseinandergesetzt hat, wäre das eine sichere Sache. Und natürlich kennt Rudolf Buchbinder jeden Ton in Beethovens viertem Klavierkonzert. Aber schon die ersten fünf Takte verraten alles. Vor der üblichen Orchestereinleitung hat diese Takte das Klavier alleine.

Die meisten Pianisten machen in diesen wenigen Sekunden alles falsch. Buchbinder macht alles richtig. Es gibt die Stimmung vor: lyrisch, gedeckt, vieles in Andeutungen, aber doch schon vorhanden. Und dann gibt es einen kleinen Lauf. Den verzögert er, setzt ein Fragezeichen. Und dieses Fragezeichen beherrscht auch den ganzen Rest des Konzertes. So lange Buchbinder Beethoven spielt – immer noch hat er Fragen an ihn. Und das macht Buchbinder sympathisch – und einfach groß.

Beethoven – der Revolutionär bis heute

Rudolf Buchbinder ist kein eleganter Spieler. Technisch ist alles souverän. Die Läufe – und in Beethovens viertem Klavierkonzert gibt es beängstigend viele Töne – wirken mitunter bei ihm ziemlich hölzern und geknattert. Natürlich könnte Buchbinder das eleganter spielen. Aber er lässt den Avantgardisten Beethoven in den Vordergrund treten.

In der Kadenz des ersten Satzes – Buchbinder spielt natürlich die minutenlange Version – scheint man den Komponisten vor sich zu haben, wie ihn seine Zeitgenossen beschreiben. Ein Genie, das vor sich hin improvisiert mit immer neuen Ideen, von einem Gedanken zum anderen. Das scheint nie aufzuhören und ist trotzdem – oder deswegen – so faszinierend, dass man nie genug davon bekommen kann. Buchbinder holt Beethoven in die Gegenwart als einen Komponisten, der kilometerweit in die Zukunft geblickt hat. Hier versteht man das Revolutionäre bei Beethoven in dieser großen und leidenschaftlichen Interpretation.

Mozart als instrumentales Musiktheater

Die beiden Klavierkonzerte von Mozart auf diesem Programm muss Rudolf Buchbinder naturgemäß sehr viel klassischer angehen, das Emotionale auf engerem Raum. Aber auch hier wählt Buchbinder die Nahperspektive. Historische Aufführungspraxis interessiert ihn kein Stück. Aber dem modernen Konzertflügel entlockt er mit dichtem Anschlag Töne mit Seele.

Mozart war immer der große Musiktheaterkomponist, auch in seinen Instrumentalwerken. Die Konzerte werden zu großen Arien. Ein unendlicher Atem trägt besonders die langsamen Sätze. Die wenigen Töne des Klaviers wirken hier so blankgeputzt, aber voller Strahlkraft, dass man fast seinen Ohren eine Sonnenbrille aufsetzen möchte. Berührender hat man das selten gehört.

Das Chamäleon-Orchester

Rudolf Buchbinder kann sich auf das Orchester der Komischen Oper voll und ganz verlassen. Immer, wenn er die Hände frei hat, - nein – Dirigieren ist das nicht. Diese Handbewegungen  nach Muster einer Winkekatze sind Andeutungen. Einstudiert hat es ohnehin der Erste Konzertmeister Gabriel Adorjan, der verdient ebenfalls einen Blumenstrauß erhält.

Überhaupt das Orchester der Komischen Oper. Das ist ein Chamäleon. Die können einfach alles: Alte Musik, Uraufführungen, das ganze klassisch-romantische Opernrepertoire ohnehin, aber auch Musical und Operette. Und auch diese Konzerte begleiten. Das ist wirklich derzeit das vielseitigste Orchester in Berlin. Selbst in diesem extrem trockenen Saal (in drei Jahren muss da wirklich drigend auch dahingehend saniert werden!!) wird das nicht einfach nur begleitet. Das Orchester ist ein ebenbürtiger Partner für Rudolf Buchbinder, mit einem großen Anteil an diesem intensiven und bewegenden Abend.

Andreas Göbel, rbbKultur

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