Gergiev Valery © Alexander Shapunov
Alexander Shapunov
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Konzerthaus Berlin - Valery Gergiev und das Orchester des Mariinsky Theaters St. Petersburg

Bewertung:

Dresden zu Gast in Berlin mit Russland im Gepäck. Dabei erweist sich das Orchester des Mariinsky-Theaters aus St. Petersburg immerhin als ein Glücksfall in Sachen Tschaikowsky.

Gastspiele von auswärtigen Orchestern sind in Berlin gar nicht so häufig. Die Stadt ist mit ihren sieben großen hervorragenden Sinfonie- und Opernorchestern gut ausgestattet, da überlegt sich mancher Veranstalter ein Gastspiel doppelt. Wenn nun die Dresdner Musikfestspiele in Berlin Station machen, und das mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters aus St. Petersburg, mag das verschiedene Gründe haben.

Da spielt die Städtepartnerschaft von Dresden zu St. Petersburg sicher eine Rolle, auch die Qualität des Orchesters selbst, so dass es trotz der Putin-Nähe und einiger umstrittener Äußerungen von Valery Gergiev keinerlei Proteste im Publikum gab. Nicht zuletzt präsentierte sich auch der Intendant der Dresdner Musikfestspiele, der Cellist Jan Vogler, als Solist, und das wollte er natürlich nicht mit irgendeinem Orchester tun.

Festivalleiter und Solist

Man fragt sich, wie Jan Vogler noch so viel Zeit am Cello verbringen kann. Seit über zehn Jahren leitet er die Dresdner Musikfestspiele, daneben auch noch, sehr viel länger schon, das Moritzburg Festival. Trotzdem konzertiert er im In- und Ausland, und auch bei seinem eigenen Festival.

Sicher wird er einen entsprechenden Mitarbeiterstab haben, der ihn unterstützt, aber offensichtlich verfügt er auch über die Fähigkeit, an seinem Instrument die vielen kleinen und großen Probleme zu vergessen, die einen Festivalleiter fast rund um die Uhr beschäftigen.

Heile Welt

Jan Vogler nähert sich dem zweiten Cellokonzert von Dmitrij Schostakowitsch als Melodiker. Das ist ein guter Ansatz – schließlich hat der Komponist das Werk für Mstislaw Rostropowitsch geschrieben, und der konnte mit seinem Celloton gewissermaßen Mauern zum Einsturz bringen. Auch Jan Vogler singt mit seinem Instrument, voller Glück und Begeisterung, so scheint es, mit bewundernswert makelloser Technik. Man merkt, wie sehr er bei der Musik ist, in ihr aufgeht, fast mit seinem Cello verwachsen erscheint.

Man hört gerne zu. Allerdings fehlt eine zweite Ebene. Immer wieder wandelt sich das Stück zu einem Totentanz, man hört Skelettgeklapper im Schlagzeug. Musikalische Spuren von den schlimmen Zeiten, die Schostakowitsch in der Sowjetunion erleiden musste. In der Musik stehen Inseln von heiler Welt – so schön, dass man es kaum glauben mag – neben sarkastischen Momenten. Und darüber spielt Jan Vogler zu sehr hinweg. Hat da vielleicht doch ein wenig die Zeit gefehlt, eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Werk zu erarbeiten?

Gute-Laune-Stück

Der russische Komponist Rodion Schtschedrin ist hierzulande immer mal wieder mit seiner "Carmen-Suite" vertreten. Mehr kennt man von ihm eigentlich nicht. Sein erstes Orchesterkonzert mit dem Titel "Freche Orchesterscherze" ist eine knapp zehnminütige Gute-Laune-Musik, leicht angejazzt, mit viel Schlagzeug.

Das Stück ist über ein halbes Jahrhundert alt. Das war damals in der Sowjetunion sicher mutig, ein so freches Jux-Stück zu komponieren. Heute kann man das wie so manche darin enthaltenen Insider-Gags nicht mehr so recht nachvollziehen. Dieses allzu sehr seiner Zeit verhaftete Stück hat heute nicht mehr viel zu sagen.

Sensationell gut

Peter Tschaikowsky gehört zum Leib- und Magenrepertoire des Orchesters, schließlich widmet man sich regelmäßig auch den Opern und Balletten des Komponisten. Die vierte Sinfonie klingt denn auch erwartungsgemäß nach schwerem Rotwein. Das Schicksalsthema durchdröhnt den Saal, überfordert fast die heikle Akustik im Konzerthaus. Dennoch wird es nie breit – es fließt dahin, man fühlt sich von den Klangströmen umarmt.

Hier wird auch klar, warum Valery Gergiev sich diesen etwas gewöhnungsbedürftigen flatterigen Zitterstil in seinen Händen beim Dirigieren angewöhnt hat. Das Orchester soll nicht zusammenspielen, weil er die Eins gibt, sondern alle sollen untereinander verstehen, was jeder macht, und so zu einer Einheit verschmelzen. Und so stimmt es in sich. Selbst die größten Ausbrüche werden nie banal, sondern haben Eleganz, Noblesse und Stil. Hier geht das Tragische wirklich zu Herzen. Eine der besten Aufführungen dieser Sinfonie seit langem.

Andreas Göbel, rbbKultur

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