Bühnenszene "Drachenherz"
Nasser Hashemi
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Neuköllner Oper - Drachenherz

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Leicht nach Cornelia Funke klingt der Titel „Drachenherz“. Doch beim neuesten Musical von Peter Lund und Wolfgang Böhmer haben wir es mit einer Nibelungen- Variation zu tun.

In eine Clique von Halbstarken kommt ein neuer Typ, ein toller Typ mit Irokesen-Blondzopf und einem Sportstudio-Thorax, hinter dem der Rest der Testosteron-Truppe sich verstecken kann. Der Inthronisation des Helden folgt der Tötung des Helden. Sehr deutsch.

Hagen schiebt den Mord einem Schwarzen in die Schuhe. Noch deutscher. Und schon haben wir ein Schauermärchen aus der Provinz, in dem es um Ehre, Männlichkeitsriten und Ausländerhass geht.

Ein nahezu genialer Librettist

Autor und Co-Regisseur Peter Lund ist bekanntlich ein nahezu genialer Librettist. Der einzige seines Fachs, der sich durch Musical-Texte internationales Renommee erschrieben hat.

Seine Produktionen, das ist nichts Neues, gehören seit Jahrzehnten zum Tafelsilber des Berliner Musiktheaters. Hier greift er ganz tragisch hoch. Man lernt, dass Ausländerhass und die Verfolgung von Minderheiten atavistischen Mustern folgt, also mythologischen Vorbildern. Das wussten wir vielleicht schon früher. Bremst ein bisschen den großen Wurf.

Akustisch unzureichend adaptiert

Erneut lebt der Abend von der Hypermotivation eines Studentenjahrgangs, der nicht aus noch ein weiß vor Agilität, Körperpower und Bums. Das ist bei dieser tanzwütigen Produktion auf (fast) nackter Bühne hinreißend.

Freilich: Heutige junge Darstellern tanzen besser denn je; aber sie sprechen schlechter denn je. Die reichlich suboptimale Textverständlichkeit mag Ergebnis einer galoppierenden Analphabetisierung durch Digitalisierung sein. Hier liegt sie auch daran, dass die ursprünglich an der Oper Chemnitz herausgeommene Produktion akustisch unzureichend adaptiert wurde.

So klingt der deutsche Wald

Neben Lund firmiert Choreographin Neva Howard als Co-Regisseurin; ebenso wie Mathias Noack vom Musical-Studiengang der UdK. Komponist Wolfgang Böhmer ("Das Wunder von Neukölln") hat souverän wummrigen, bummrigen Dumpfrock für Sprechchor und Synthie-Septett gesetzt – mit Ausfällen zum Schlagerigen. Es sind alte Hasen, die wissen, wie der deutsche Wald klingt.

Ein Musical über ein bierernstes Thema

Dass Populismus und politisches Übel aus Unaufrichtigkeit hervorgeht, ist sicher richtig. Dass ein Musical über ein bierernstes Thema gemacht wurde: hochachtbar. Dass es voll zündet, würde ich nicht sagen.

Sobald man den Siegfried-Stoff wittert, bewegt sich das Werk nicht mehr genug – auch nicht politisch. Dass man trotzdem so animiert aus jeder Berliner Produktion herausginge, kann man sich nur wünschen. Sehenswert ist die Produktion – wie die meisten von Peter Lund – absolut.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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