Krystian Zimerman; © Kasskara/Deutsche Grammophon
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Philharmonie Berlin - Klavierabend Krystian Zimerman

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Ein Konzert mit dem Pianisten Krystian Zimerman ist selten – nur rund fünfzig Konzerte spielt er im Jahr. Bei seinem aktuellen Berliner Gastspiel hat er eines bewiesen: In Sachen Chopin kann ihm derzeit niemand das Wasser reichen.

Krystian Zimerman überlässt nichts dem Zufall. Er reist mit eigenem Flügel und hat mehrere Tastaturen, je nach Repertoire. Das Instrument ist schon etwas Besonderes: Egal, wie sehr der Pianist sein Instrument dynamisch herausfordert – es knallt nicht, es gibt keine ordinären oder scheppernden Töne. Das hat einen orchestralen Klang und gleichzeitig die Initimität eines romantischen Salons.

Dass er mit verschiedenen Tastaturen arbeitet, ist eher seinem eigenen Anschlagsempfinden geschuldet. Gegen Ende sagte er, er habe mit seiner Brahms-Tastatur gespielt. Aber da war doch eine ganze Hälfte Chopin dabei. Geht offensichtlich auch.

Kein Brahms-Klischee

Die große Klaviersonate in f-Moll von Johannes Brahms hört man (leider) immer seltener im Konzert. Das ist Brahms, wie man ihm vom Klischee her eher nicht kennt. Wer meint, Brahms sei immer der, der sicher spätromantisch, aber doch eher vom Kopf her, von der Struktur, der perfekten Konstruktion ausgeht und weniger vom Gefühl, erlebt hier anderes.

Diese frühen Klaviersonaten, und besonders die in f-Moll, enthalten ganze Wogen von Emotionen. In seinem Opus 5 türmt Brahms vierzig Minuten lang, und das im Alter von gerade mal zwanzig Jahren, schwelgerischste Melodien und düsterste Abgründe übereinander. Ein gewichtiges Werk, ein echter 7,5-Tonner.

Nicht schön – genial!

Krystian Zimerman ist ein Pianist, der kaum etwas undurchdacht macht. Diesem Gefühlsausbruch von Brahms gibt er zunächst eine klare Form. Man wird an die Hand genommen und durch den Dschungel der Ton- und Akkordkaskaden geführt. Sicher hätte man manches noch mehr ausspielen können, manchem Detail mehr Zeit einräumen können. Aber Zimerman zeigt hier auch, wie Brahms über das Klavier hinausdenkt, wie diese Sonate im Geist eigentlich für großes Orchester gedacht ist.

Und der Pianist nimmt Brahms wirklich beim Wort. Wenn der langsame Satz noch einmal beginnt, dann aber im Trauerflor, lässt er es auf dem tragischen Höhepunkt brutal abstürzen. Das ist dann nur noch ein Knall. So extrem hat man das wohl noch nie gehört. Zimerman nimmt dem Stück allen Schwulst und zeigt die wirkliche Emotionalität dieser Musik. Das ist nicht schön – das ist genial.

Keine Scherze

Da gibt es dann aber durchaus noch eine Steigerung: die vier Scherzi von Frédéric Chopin. Wer da an Scherze denkt, an heitere, tänzerische Sätze wie in manchen Sinfonien, liegt denkbar falsch. Das ist sogar noch abgründiger als die Brahms-Sonate.

Dreimal gibt es einen direkten Blick in die Hölle mit Dissonanzen, die es bis dahin fast nie gegeben hatte. Das vierte Stück tarnt sich heiterer, bringt aber ebenfalls Tonsplitter, halt nur in Dur. Und in den langsamen Teilen hört man den Melodiker Chopin, der seinen Mozart gut studiert hat, aber nur, damit die schnellen Teile umso panischer klingen.

Chopin-Gigant

Bei Chopin ist Krystian Zimerman ganz in seinem Element. Wie sehr er das durchdacht hat, muss man gar nicht wissen – er spielt es einfach. Und das in Tempi, die kaum noch realisierbar sind. Und trotzdem ist alles verständlich, klar, durchweg vorhanden. Wie er das macht, bleibt sein Geheimnis – es knattert los, und das kompromisslos scharf.

Das alles ist aber kein Zirkus, kein Olympia auf der Jagd nach der Weltrekordzeit. Krystian Zimerman lässt uns heute nachvollziehen, wie Chopin in diesen Stücken an Grenzen rüttelt. Man versteht plötzlich, warum selbst Musikkenner mit diesen Werken damals überfordert waren. Das alles ist aber keine kalte Berechnung. Wie sehr Zimerman diese Musik auch empfindet, erkennt man an seinen Pausen. Minutenlange Raserei – und dann plötzlich nichts. Und wenn dann die melodischen Mittelteile einsetzen, sind sie von einer Schönheit, die man kaum ertragen kann.

Was alles noch geht in Sachen Chopin, zeigte Krystian Zimerman noch in seinen vielen Zugaben, darunter auch einige Chopin-Mazurken. Jedes Mal eine andere Welt. Und wenn man glaubte, das sei doch alles ziemlich heiter, merkte man plötzlich den ausweglosen Leerlauf dahinter. Seit Jahrzehnten spielt Krystian Zimerman an der Weltspitze, auch weil er sein Repertoire klug auswählt. Aber in Sachen Chopin kann ihm wenigstens derzeit niemand das Wasser reichen.

Andreas Göbel, rbbKultur

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Alexander Gnaedinger

Deutsche Symphonie-Orchester Berlin - Robin Ticciati

Es ist schon spannend, vermutliche eine Weltpremiere, wenn ein Orchester zu Anfang ohne Dirigenten improvisiert. Aufeinander hören muss man, oder sollte man ja sowieso. Natürlich ist es auch spannend, wer denn da so die Initiative für einzelne Melodien übernimmt und wie die Anderen das aufgreifen. Das Resultat war zwar erwartbar und man muss das nicht so oft hören, aber das Orchester könnte das ja als Teambuilding bei sich einführen!

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