Staatstheater Cottbus: L´elisir D´amore (Der Liebestrank) © Marlies Kross
Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - "Der Liebestrank"

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Zwei Spielzeiten lang war vom Cottbuser Musiktheater meist nur im Zusammenhang von Querelen hinter der Bühne zu hören. Die letzte Premiere in diesem Sommer bringt reinen Wohlklang und ästhetischen Genuss.

Die Partitur von 600 Seiten war schnell hingeworfen, weil die Premiere drängte und der Librettist in Verzug war. Letzteres merkt man der Oper an. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz wurde die Mailänder Uraufführung von Gaetano Donizettis "Liebestrank" (L’elisir d’amore) am 12. Mai 1832 zu einem enormen Erfolg. Von der zeitgenössischen Kritik und vom Publikum gleichermaßen bejubelt rangiert "Der Liebestrank" heute unter den meistgespielten Opern weltweit.

Dabei ist die Geschichte so simpel, dass einem Regisseur der ganze Liebestrank auch gut um die Ohren fliegen könnte: Wenn man einen Einfall hat, kann das gut werden. Ansonsten wird es plüschig.

Es ist die uralte Konstellation. Einer liebt. Die andere nicht. Also braucht es vermeintlich ein Zaubermittelchen. Ganz wie bei Tristan und Isolde, die im Stück immer wieder zitiert werden. Das Drama spielt in einer italienischen Kleinstadt. Der junge Nemorino (deutsch: "kleiner Niemand") liebt die schöne und reiche Adina. Je mehr Nemorino schmachtet, desto weniger will sie von ihm wissen. Einen Rivalen gibt es auch; der ist zwar (in der Premierenbesetzung) nicht schön, dafür aber sehr von sich überzeugt. Nemorinos letzte Hoffnung ist ein Quacksalber, der ihm einen Liebestrank verkauft. Dass der ein einfacher Bordeaux ist… ist egal, wenn er nur dem Selbstbewusstsein auf die Sprünge hilft … Muss man hier erwähnen, dass die beiden richtigen sich am Ende kriegen?

Das Staatstheater Cottbus zeigt eine Inszenierung von Donizettis "L’elisir d’amore" (Der Liebestrank). (Quelle: Marlies Kross/Staatstheater Cottbus)
Bild: Marlies Kross/Staatstheater Cottbus

Aus dem Handgelenk

Donizetti selbst war übrigens selber gar nicht so glücklich über den Erfolg der Oper. Er hätte seinen großen Durchbruch viel lieber mit einem "ernsten" Stoff erlebt und nicht mit etwas, das er so aus dem Handgelenk geschüttelt hatte.

Regisseur Anthony Pilavachi erfindet zunächst einen Rahmen für die Handlung. Während des Präludiums sieht man Adina und Nemorino schon einmal als uraltes Paar in einem stattlichen Herrenhaus. Die greise Adina stirbt, Nemorino erzählt die Geschichte vom Liebestrank aus der Erinnerung.

Danach klappt das Bühnenbild auf. Ein fabelhaftes, einerseits fast minimalistisches aber in seiner Wandelbarkeit ganz raffiniertes Bühnenbild von Markus Meyer, das nebenbei noch den Effekt hat, dass das Haus des alten Paares die ganze Geschichte im Sinne des Wortes die ganze Zeit umrahmt.

So virtuos Anthony Pilavachi die Figuren führt und deren Nöte erzählt, verzichtet er darauf, irgendetwas zusätzlich mit Bedeutung aufzublähen. Er nimmt die Dramen ganz aus der Musik, die keine Opera buffa mehr ist, keine Komische Oper, sondern in der die Gattungen verschwimmen. Hier finden sich einerseits die Buffo-Elemente- denen Pilavachi dann auch gerne noch einen drauf setzt. Da wird geseufzt und gelitten, da wird die Tenor-Pose auch mal ausgereizt, dass es eine Art hat. Einen Moment später reißen sich zwei geradezu die Brust auf und legen uns ihr Innerstes vor die Füße. Weil unerfüllte Liebe gleichermaßen lächerlich aussieht wie sie tot-ernst ist. Je nachdem, ob man betroffen ist.

Glanz und Gäste und ein Blick in die Zukunft

Mirjam Miesterfeld als Adina ist nichts weniger als eine Offenbarung. Jung, schön, und mit einer Stimme, die vom leichten Sopran bis in die dramatischen Wendungen alles scheinbar mühelos mitmacht. Ist Adina im Stück eigentlich eine hochnäsige Schnepfe, so versteht man hier die Kerle, die ihr zu Füßen liegen, allen voran als trauriger Nemorino Andrei Danilow. Sehr russisch- in der Intonation wie im Gestus, technisch perfekt- und mit dem Genuss des Zaubertranks immer lockerer. Spätestens beim Brillierstück aller Tenöre, "Una furtiva lagrima", Eine verstohlene Träne, hält der Saal den Atem an. So verzweifelt, so leise… die Bravi brechen sich Bahn, bevor die Nummer zu Ende ist. Danilow wird aufs schönste kontrastiert durch ein so sehens- wie hörenswertes Buffopaar, Nils Stäfe als Belcore und Kammersänger Matthias Henneberg von der Dresdner Staatsoper als Quacksalber. Phantastisch aufeinander abgestimmte SängerInnen, die sich gegenseitig Raum und Glanz lassen, um sich alsdann zu größter musikalischer Schönheit zu ergänzen und zu vereinen. Mutmaßlich für solche Abende ist Belcanto ersonnen worden.

Sergey Simakow hat die musikalische Leitung, auch ein junger Russe, der aus dem Orchester die gute Laune genauso herausholt wie die Zartheit. Manchmal scheinen die Musiker im Orchestergraben geradezu mit den Sängern zu atmen. Simakow und Pilavachi tragen die Beteiligten durch den Abend, setzen geneinsam Akzente, während sie konsequent bei Donizetti und seiner Musik bleiben. Wirkung erzielen ohne Effekte zu haschen: Kein Zweifel, die Ära von Ex-Intendant und Ex-Opernchef Martin Schüler ist vorbei. Cottbus hat wieder relevantes Musiktheater zu bieten.

Hilfe, ist das zauberhaft, so der laute Ausruf einer jungen Frau aus dem Publikum schon in der Pause. Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Einer der nicht häufigen Abende in einem Theater, an denen alles aufgeht: jeder Ton, jede Idee. Am Schluss lange stehender Applaus. Verdient.

Sylvia Belka-Lorenz, rbbKultur

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