Jazzpianist Michael Wollny
imago images / tagesspiegel
Bild: imago images / tagesspiegel Download (mp3, 4 MB)

Philharmonie Berlin - "Late Night"

Bewertung:

Er gilt als absolutes Ausnahmetalent der internationalen Jazzszene, der deutsche Pianist Michael Wollny. Manche Kritiker handeln ihn sogar als legitimen Erben von Albert Mangelsdorff. Fünfmal wurde er bereits mit einem ECHO-Preis geehrt und auch mit Weltstars wie dem schwedischen Posaunisten Nils Landgren tritt er regelmäßig auf. Nun war Michael Wollny - der auch Professor für Jazzklavier an der Musikhochschule in Leipzig ist - in der Berliner Philharmonie zu Gast, am vergangen Samstag im Rahmen der Konzertreihe "Late Night". Mit dabei waren auch 13 Mitglieder der Berliner Philharmoniker unter Leitung von Christian Jost. Claus Fischer war dabei, obwohl er eigentlich nicht so den Draht zum Jazz hat ...

Es kann interessant sein, wenn ein Pianist mit einem definitiv unverwechselbarem Stil, mit einer ganz eigenen Handschrift, auf ein rund zehnköpfiges Ensemble mit klassischen Orchesterinstrumenten trifft. Dessen Leiter, Christian Jost, ist ja ein recht erfolgreicher Komponist in der Neue-Musik-Szene und hat keine Berührungsängste in puncto Jazz und populäre Musik.

Spiel aus dem Moment heraus

Der pianistische Stil von Michael Wollny ist reduziert, über weite Strecken nachdenklich, ja meditativ ... bisweilen aber auch erfasst von einer Art inneren Unruhe. Manchmal scheint die Musik vorwärts zu streben, aber ohne an einem Ziel anzukommen.

Michael Wollny verwendet über weite Strecken oft nur wenige Akkorde, das hat manchmal so die Anmutung von "Minimal Music", also durchaus Bezug zur in Anführungszeichen "klassischen" Gegenwartsmusik, die Grenzen zwischen Jazz und "gemäßigter Avantgarde" verwischen bei ihm. Im Interview hat er mir mal gesagt: Er spielt aus dem Moment heraus, der Moment ist zugleich das Ziel. Er weiß oft selbst nicht, wo er ankommt am Ende einer Improvisation ...

Halbspontane Interaktion

Michael Wollny hat an die Musiker schon Zugeständnisse gemacht. Er hat ja einige seiner Improvisationen auf CD produziert, und damit ist die Musik ja in Anführungszeichen "fixiert", da könnte man auch etwas poetisch von "geronnener Improvisation" sprechen.

Wollnys "Der Nachtwanderer", "Fatigue'" und "Nachtfahrten" lagen den 13 Musikern als Notenmaterial vor, zum Teil in der Bearbeitung vom Dirigenten des Abends Christian Jost - und damit war die Interaktion nur "halbspontan".

Die Musiker hatten ihre ausgeschriebenen Stimmen und Christian Jost vor sich und Michael Wollny reagierte dann aber flexibel auf ihr Spiel. Also er war als Pianist die "bewegliche Spinne" in einem doch eher fest gespannten Netz.

Einige der Stücke des Abends waren wirklich kammerorchestrale Umsetzungen von Wollnys Improvisationen, einige hat Christian Jost neu komponiert. Allerdings hat er sich völlig auf den Stil, auf die Klangsprache von Michael Wollny eingelassen, sie sich ganz zu Eigen gemacht.

Wenn man andere Werke von ihm kennt, war man doch erstaunt, wie er sich hier dem Stil des Kollegen angepasst, ja fast "unterworfen" hat.

Eine Art Narkose-Trip

So wurde der Abend zu einer Art "Narkose-Trip". Man konnte sich als Hörer hineinfallen und treiben lassen, hat stellenweise gar nicht gemerkt, ob da jetzt Michael Wollny alleine spielt oder mit den Musikern.

Ab und an wurde man aus der Trance gerissen, wenn einer der 13 Musiker ein Solo hatte, etwa Raphael Haeger an der Celesta, aber das ging ganz schnell wieder in der nächtlichen Trance unter.

Man hätte sich von Christian Jost und den Musikern gegenüber Michael Wollnys Klavierspiel mehr Kontrast oder musikalische Konfrontation gewünscht, mehr Momente 

Claus Fischer, rbbKultur

Weitere Rezensionen