Staatsoper Unter den Linden, Saalansicht
Staatsoper Unter den Linden / Marcus Ebener
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Staatsoper unter den Linden - Die Tagebücher von John Rabe

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John Rabe, der "gute Nazi", wie er genannt wurde, rettete 1937/38 im II. Japanisch-Chinesischen Krieg 200.000 (oder gar 250.000) Chinesen das Leben.

Als Opern-Sujet ist das harter Tobak, wie man ihn kaum sonst findet. Zum Vergleich: Selbst ein eminent politischer Komponist wie Dmitri Schostakowitsch hat eine politische Oper gerade nicht komponiert. Vergleichbare Fälle wie etwa John Adams’ "Nixon in China" sind harmlos. Daher: Höchste Aufmerksamkeitswerte für "Die Tagebücher von John Rabe" von Tang Jianping. Beide Aufführungen des China- Gastspiels sind – wenigstens nominell – ausverkauft.

Ein Personenkult

In China existiert ein unverhüllter Personenkult um John Rabe. Dabei war der Geschäftsführer von Siemens in Nanking (Nianjing) Mitglied der NSDAP. Er durfte erwarten, dass die angreifenden Japaner, mit den Deutschen sympathisierend, sein Keller-Versteck nicht bombardieren würden, auch wenn sich darin Chinesen verbargen. Rabe setzt sich für die Bildung einer internationalen Sicherheitszone ein, bis er 1938 das Land verlassen musste. (Er starb 1950 in Berlin.) So spielen Aspekte der deutschen Geschichte hier herein. Nicht zufällig nannte man ihn den "Oskar Schindler Chinas" – obwohl der Fall wesentlich anders liegt.

Viel Bach mit Puccini-Harmonien

Die Handlung des Zweiakters habe ich damit fast umschrieben. Er macht eher den Eindruck eines szenischen Oratoriums. Komponist Tang Jianping, bei uns unbekannt, hat auch Musicals und Tanzdramen komponiert. Er zitiert viel Bach, über welchem er ein bequemes Zelt aus Puccini-Harmonien aufschlägt. Früher Puccini, später Puccini. Irgendwo zwischen "Edgar" und "Turandot". Das verrät einen handwerklichen Umgang mit der Musikgeschichte. Ist durchaus chinesisch. In der dortigen Kultur wird ja immer noch vielfach einem Meister-Gedanken gehuldigt. Puccini ist hier der Meister, den sich Tang erwählt hat. Musikalisch erheblich ist das nicht; schmerzfrei doch.

Es klingt chinesisch

Die mehrheitlich asiatischen Sänger bleiben fröhlich unter sich. Chinesische Stimmen klingen zumeist heller, gutturaler. Sind aber nicht klein, sondern füllen den Raum der Staatsoper mühelos. Der eher mehlige Tenor von Han Peng in der Titelrolle – eher weißlich stäubend als strahlend – ist tatsächlich beeindruckend. In der musicalartigen Inszenierung dominieren Schiebekulissen und Dia-Projektionen. Das Orchester bietet jenen typisch verwaschenen Klang, wie man ihn in China schätzt. Saubere Sache.

Ein musikalisch kritischisches Epitah

Dagegen überzeugt die politische Mission kaum. Der Friedensgedanke ist sehr allgemein gefasst. An der Nazi-Problematik will man sich nicht die Finger verbrennen. Stattdessen schürt man durch die Exponierung der japanischen Greueltaten eine gewachsene Feindschaft zwischen den Nationen. Das durchkreuzt die Friedensmission. Im Ganzen ein zuweilen musikalisch kitschiges Epitaph für John Rabe. Beinahe im Sinne des konfuzianischen Ahnenkultes? Für Freunde der chinesischen Kultur – wie mich – anbietbar. Politisch eindimensional aber auch.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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