Samuel Marino
Bild: Uwe Hauth

Festival "Kammeroper Schloss Rheinsberg 2019" - Domenico Cimarosa: "Gli Orazi e i Curiazi"

Auftakt gestern Abend beim Festival "Kammeroper Schloss Rheinsberg 2019" mit der Oper "Gli Orazi e i Curiazi" von Domenico Cimarosa. Dieser Komponist und Mozartzeitgenosse gilt als prägende Figur des italienischen Musikdramas vor Verdi und Rossini. Am bekanntesten von ihm ist heute noch seine komische Oper "Il matrimonio segreto" - zu Deutsch "Die heimliche Ehe". "Gli Orazi e i Curiazi" dagegen ist, obwohl es um 1800 ein Erfolgsstück am Teatro La Fenice in Venedig war, heute ziemlich vergessen. Eine Ausgrabung also - die mit jungen Sängerinnen und Sängern einstudiert wurde, die noch im Studium sind oder ganz am Anfang ihrer Karriere stehen.

 

Inszeniert hat der neue Intendant der Kammeroper, der 68-jährige Georg Quander, in den 1990er Jahren war er Intendant der Berliner Staatsoper. Es spielte die Kammerakademie Potsdam, die musikalische Leitung hatte der junge griechische Dirigent Markellos Chryssicos.

Eine "Romeo-und-Julia-Geschichte"

Die Oper  spielt im antiken Rom. Die beiden Städte Rom und Alba kämpfen um die Vorherrschaft innerhalb eines Städtebundes, liegen also miteinander im Krieg. Die junge Römerin Orazia heiratet trotzdem einen Albaner, nämlich Curiazio. Dann nimmt das Unheil seinen Lauf.

Es wird nämlich beschlossen, dass je drei Männer aus beiden Städten stellvertretend für die Armeen gegeneinander kämpfen sollen, die werden per Los ermittelt. Und so muss am Ende Marco, der Bruder von Orazia gegen ihren Bräutigam Curiazio kämpfen. Also: Egal wie es ausgeht - entweder verliert sie ihren Bruder oder ihren Bräutigam.

Das Ende ist tragisch: Der Bruder tötet den Bräutigam auf dem Schlachtfeld. Daraufhin stößt Orazia verständlicherweise einen Fluch gegen ihre kriegerische Stadt Rom aus - der Bruder wird wütend und erschlägt sie dann auch.

Also der ganze Irrsinn von Feindschaft und Krieg wird offenbar.

Bühne statt im Schlosshof nun vor dem Kavalierhaus

Georg Quander stellte die Bühne um. Statt wie bisher im Schlosshof steht sie jetzt vor dem Kavalierhaus neben dem Schloss. Damit fehlt der stimmungsvolle Blick auf den See, dafür nutzte er die Wand als Fläche für Videoprojektionen.

Die Handlung siedelt er in der Zeit von Cimarosa an, also am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Kostüme deuten darauf hin, es gibt Kanonen und ein Feldbett, in dem das Brautpaar schläft. Das Orchester sitzt auf einer Art Bastion aus Sandsäcken.

Dann haben wir links als große naturalistische Kulisse die Ruinen von Rom, rechts die von Alba, jeweils etwa acht Meter hoch. Bühnenbildner Fred Berndt hatte damit ziemlich viel Arbeit. Es gibt auch zwei Türme, einen von Rom und einen von Alba, von denen die Schlacht eröffnet wird, sehr aufwändig!

Aber was dann auf dieser Bühne passierte, war sehr enttäuschend ...

Kaum Personenführung - enttäuschendes Regiekonzept

Georg Quander ließ es an Personenführung absolut vermissen, die jungen Sängerinnen und Sänger spielten, das merkte man deutlich, ohne detailliertere Anleitung, sie standen oft schlicht verloren herum. Auch die Massenszenen mit dem Chor wirkten statisch, nicht richtig lebendig. Im Publikum hinter mir fiel der Begriff "Schultheater".

Im zweiten Akt gab es dann noch besagte Videoprojektionen an der Wand, Bilder aus dem ersten Weltkrieg, was wohl unterstreichen, wie irrsinnig Krieg ist. Eine Selbstverständlichkeit eigentlich. Insgesamt ist das Regiekonzept also eher als dürftig bezeichnen ...

Sängerensemble teilweise überfordert

In diesem Jahr hatte die Auswahlkommission für das Sängerensemble keine allzu glückliches Hand. Einige der Protagonisten waren mit ihrem Partien überfordert, allen voran der Countertenor Samuel Marino aus Venezuela in der Rolle des Bräutigams Curiazio.

Er hat zwar durchaus eine schöne, lyrische Stimme, aber das reicht nicht, um eine so emotionale Rolle auszuloten. Man hatte das Gefühl, er improvisierte an manchen Stellen statt sich an den Notentext von Cimarosa zu halten.

Ähnlich war es beim Tenor, der den Bruder gab, dem Brasilianer Wagner N.S. Moreira. Seine Stimme hat ebenfalls durchaus Potenzial, aber leider hatte er rhythmische Probleme, war stellenweise nicht mit dem Orchester zusammen.

Shixuan Wei
Bild: Uwe Hauth

Sopranistin Shixuan Wei beeindruckt in der Rolle der unglücklichen Orazia

Einen Lichtblick gab es allerdings, die chinesische Sopranistin Shixuan Wei in der Rolle der unglücklichen Orazia. Sie sang perfekt mit unglaublich viel Emotion. Im zweiten Akt, bevor ihr Bruder gegen den Bräutigam kämpft, hat sie eine Arie, in der sie an die Kriegsparteien appelliert, Frieden zu finden - unglaublich eindrücklich, da hätte man im Publikum die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können!

Gutes Orchester - uninspirierter Dirigent

Der zweite Schwachpunkt des Abends, neben der unzureichenden Regie, war das Dirigat von Markellos Chryssicos. Die Kammerakademie Potsdam spielte ordentlich, aber mit kaum Spannung.

Die Musik ist allerdings sehr spannungsreich und reicht harmonisch an einigen Stellen auch über Haydn und Mozart hinaus. Aber das muss man als Dirigent herausarbeiten, doch mit dieser Aufgabe war Markellos Chryssicos überfordert.

Die Musik schleppte sich über weite Strecken dahin, sehr gleichförmig, mit kaum Akzentuierung. Bei einem Marsch - im Stück kommen mehrere vor -  ist eine solche Herangehensweise natürlich kontraproduktiv. Hier wurde eine Chance verschenkt, denn Cimarosas Partitur ist absolut nicht langweilig, wenn man sie historisch-informiert angeht!

Fazit: Trotz etlicher Schwächen der Produktion lohnt ein Besuch dennoch

Allein schon aufgrund der aufwändig gestalteten Bühne und der Sopranstimme von Shixuan Wei in der Partie der Orazia. Außerdem ist der Apollo-Chor der Berliner Staatsoper ausgezeichnet, ein hervorragendes Laienensemble!

Und - ganz wichtig - es gibt es ja noch eine alternative Besetzung mit anderen diesjährigen  Stipendiaten der Kammeroper, die in den nächsten Tagen zum Einsatz kommt - womöglich wird da Besseres zu hören sein.

Das Werk selbst lohnt in jedem Fall die Entdeckung!

Claus Fischer, rbbKultur

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