Solistenensemble Kaleidoskop
Helge-Krueckeberg
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Radialsystem - Nobodaddy is Perfect

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"Nobodaddy is Perfect": ein bildungsgesättigter, schöner Titel. Zum einen variiert er den schlichten Satz „Nobody is perfect“. Verwendet aber ein Wort des britischen Dichters William Blake, das dieser für den abgehalfterten Gott brauchte, in den wir kein Vertrauen mehr haben.

Wenn dieser abdankende Gott "perfekt" ist, macht er die Sache dennoch richtig. Und schon schillert’s. Ürigens verwendete Arno Schmidt den Namen in seiner Prosa-Trilogie "Nobodaddys Kinder". Es wird scharf geschossen.

Lebende Kornkreise

Wir sitzen im Nebensaal des Radialsystems, welcher catwalkartig über die ganze Cinesmascope-Breite bespielt wird. Die Bühne besteht aus einem kobaltblau angestrahlten Sammelsurium aus Kaffeekannen, Kartenspielen und Kloschüsseln auf Rädern (wie von der Konzeptkünstlerin Anna Oppermann zusammeninstalliert).

Acht Musiker legen Karten, lassen Zucker aus Geigen rieseln und tragen dysfunktionale Reizwäsche – Unterhosen auf dem Kopf und ähnliches. Neunzig Minuten lang bilden sie lebende Kornkreise.

Ein bisschen Text wird zitiert, das Ganze läuft eher in einer Endlosschlaufe. Die "Kunst des Verschwindens" heißt das im Untertitel.

Wildgewordene Kammermusiker

Das Solistenensemble Kaleidoskop kennt man spätestens, seit es 2009 gemeinsam mit Sasha Waltz das Neue Museum eröffnete. Es sind Streicher, die sich szenisch selbstständig gemacht haben.

Wildgewordene Kammermusiker, könnte man sagen. Sie haben manchmal schon gefährlich hoch, auch daneben gegriffen. Hier haben sie sich mit dem Österreicher Georg Nussbaumer zusammengetan, der als Regisseurs alles in der Schwebe hält.

So, nun reicht’s auch

Immerhin wird Bachs "Kunst der Fuge" und Schuberts "Erlkönig" gelegentlich zitiert. Die Reise des Odysseus will auf dem ehemaligen Berliner Mauerstreifen nachvollzogen werden (worauf Projektionen hindeuten). Stringenter Sinn soll sich nicht ergeben.

Es ist so, als seien wir in einen Pavillion bei der Biennale von Venedig hineingegangen, wo der Betrachter auch nicht lückenlose Bedeutungsaufklärung verlangt.

Das Problem besteht darin, dass sich der Abend trotz seines Installationscharakters vom Theaterritus des 19. Jahrhundert nicht zu verabschieden traut. Die Türen bleiben zu. Nach 70 Minuten denkt man: So, nun reicht’s auch. Jede weitere Minute wirkt fatal.

Der Abend immerhin ... ist leicht. Bin gespannt, woran ich mich in drei Monaten noch erinnere. So ephemer man sich nämlich gibt, so ewigkeitstaugliche Kunst will man sein. Dafür jedoch bleibt der selbstgewählt etüdenhafte Charakter doch ein wenig luftig. Immerhin!

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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