"Staatsoper Unter den Linden, Außenansicht"; © Marcus Ebener
Marcus Ebener
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Staatsoper unter den Linden - Gastspiel der Opera Australia: "West Side Story"

Bewertung:

Leonard Bernsteins Erfolgsmusical – perfekt choreografiert. 75 Minuten muss man warten, und dann bekommt man doch eine Ahnung, dass auch diese Produktion mehr sein will als eine reine Unterhaltungsshow.

Besuch aus Australien an der Berliner Staatsoper: Die Opera Australia ist die führende Opernkompagnie des Landes, und sie hat sich zum Ziel gesetzt, Oper und auch Musicals möglichst vielen Menschen nahezubringen.

Man spielt in Melbourne und vor allem im architektonisch so berühmten Opernhaus von Sydney, aber auch, so kann man nachlesen, auf Basketballplätzen. Große Aufführungen gibt es am Hafen von Sydney, und da kann man natürlich nur die bekanntesten und populärsten Werke auswählen, um ein breites Publikum zu erreichen.

Testosterongesteuert

Bei der Vermarktung dieser Produktion legt man sehr viel Wert darauf, dass man auf der Basis der Original-Choreographie von Jerome Robbins, die bei der Uraufführung vor 62 Jahren gezeigt wurde, gearbeitet hat. Wer das mal gesehen hat, erkennt es sofort wieder. Das sind diese atemberaubend synchronen, rhythmisch durchzuckten Bewegungen, diese Mischung aus Brutalität, Imponiergehabe der Jugendgangs, alles komplett testosterongesteuert.

Hier ist wirklich alles darauf angelegt, eine perfekte Show abzuliefern. Bis ins kleinste Schulterzucken ist alles übereinander. Viele Szenen spielen auf nahezu leerer Bühne. Mehr braucht man auch nicht. Die Tanzszenen sind der einzige wirkliche Grund, diese Produktion anzusehen.

Musicalhaft

Typisch musicalhaft ist alles bis ins Kleinste durchexerziert. Emotionen und Gefühle werden reichlich eindimensional über die Rampe geschleudert. Es ist dieses broadwayhafte Übertreiben, das klischeedurchzuckte Angesprungenwerden. Liebe wird mit schmachtenden Blicken dargestellt, Aggression ist bedrohliches Schubsen.

75 Minuten lang glaubt man den Darstellern gar nichts. Dann aber gibt es doch einige große Bilder mit mehr Tiefgang. Der Kampf der Gangs wird unter einer beeindruckend groß projizierten schwarz-weißen Autobahnbrücke in schonungsloser Brutalität dargestellt, und im zweiten Akt nach der Pause geben einige Momente des Innehaltens eine Ahnung davon, dass hier mehr gezeigt werden soll als bloße Unterhaltung, da werden ansatzweise aus den Abziehfiguren Personen, sogar Menschen.

Verstärkt

Bei der Beschreibung des Musikalischen muss man sich an das halten, was aus den Lautsprechern kommt. Sängerinnen, Sänger und Orchester werden massiv verstärkt, so dass es bisweilen übersteuert und verzerrt in den Trommelfellen klingelt. Immerhin kann die junge Darstellerin der Maria, Sophie Salvesani, für einige Momente so etwas wie Wärme in der Stimme transportieren.

Das kleine Orchester, das im Vergleich zu den in Bernsteins Original-Partitur verlangten 31 Musikern sogar noch um zehn reduziert wurde, muss deswegen so hochgezogen werden, dass alles wie durch einen Computer gejagt klingt. Der Musical- und Bernstein-Experte Donald Chan hält das souverän zusammen, nur klingt es beklagenswert künstlich.

Lieber in die Komische Oper

Klar: das ist nicht für ein klassisches Opernpublikum gedacht, eher für Menschen mit Popaffinität, die an solche extremen akustischen Verstärkungen gewohnt sind. Und sicherlich haben viele Touristen dieses Sommergastspiel genutzt, um einfach mal in die restaurierte Staatsoper zu kommen.

Choreographisch ist das eine perfekte, an das Original angelehnte Aufführung. Aber wer eine wirklich berührende "West Side Story" erleben will, hat dazu eher die Gelegenheit in der Komischen Oper Berlin. Da hat Barrie Kosky Schicksale inszeniert, die einen wirklich etwas angehen, und auch musikalisch spielt das dort in einer ganz anderen Liga – zehnmal wieder in der kommenden Spielzeit – eine Empfehlung …

Andreas Göbel, rbbKultur

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