Katrin Sass; © Edel Records
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Bar Jeder Vernunft - Katrin Sass – "So oder so ist das Leben"

Bewertung:

Fast wie eine Pantomimin, in weißer Hose und Bluse, mit schwarzer Anzugweste und halblangem Pagenkopf, führt Katrin Sass durch ein Programm voller Ost-West-Erinnerungen – und verliert sich manchmal im Geplänkel mit dem Publikum.

Da lässt sie das Publikum wie in der Schule aufzeigen, wer aus dem Westen, wer aus dem Osten kommt, und gibt sich zufrieden, dass es Hälfte-Hälfte ist. Da witzelt sie über ihren hervorragenden Pianisten Bene Aperdannier, der als Wessi nicht wisse, wie man mit einem Grünen Pfeil umgehe. Da liefert sie sich ausführliche Gespräche mit den Zuschauern, ahmt ihre Akzente nach, plaudert über das Damals und verliert zwischendurch den Faden.

"Wir Ostler quatschen immer so dahin, weil wir ja aus Nichts was gemacht haben … und das machen wir auch auf der Bühne. Ost und West gibt's ja gar nicht mehr – nur ich bin eben Ostler."

Politikersprüche ziehen sich durchs Programm

Den roten Faden für den Liederabend bilden eingespielte berühmte Zitate, mit denen die Geschichte vom Mauerbau bis zum Mauerfall nachvollzogen wird:  Von Ulbrichts "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten" bis zu Schabowskis Gestammel über die Ausreiserlaubnis "Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich".

Dazwischen singt Katrin Sass ihre Lieder, einige davon schon auf der 2013 erschienenen CD "Königskinder" zu finden. Lieder, die sie in ihrer Rolle als Dunja Haussmann in der ARD-Serie "Weissensee" zum Besten gab, darunter Karussells "als ich fortging" oder Reinhard Meys "Über den Wolken". Hinzu kommen zwei Lieder des im letzten Jahr verstorbenen Liedermachers Holger Biege und umgetextete Versionen von "Du hast den Farbfilm vergessen“ und "Sandmann, lieber Sandmann".

Stimmlich ist das nicht wirklich überzeugend. Ihr sehr scharfer, nasaler Alt taugt bedingt für weiche Lieder, bei ihren übereindeutigen Parodien auf DDR-Liedgut wie "Heimat" oder "Soldaten sind vorbeimarschiert" tut es gar ein bisschen weh.

Lesen statt singen

Doch Katrin Sass weiß zu unterhalten, kommt charmant und sympathisch rüber, kann das Publikum für sich erobern. Als sie nach der Pause überraschenderweise beginnt, aus ihrer 2005 erschienenen Autobiografie zu lesen, mit dezenter Klavierbegleitung, erweist sich das als gute Idee. Denn so erfährt man, wie sie mit 25 den Silbernen Bären als beste Schauspielerin bei der Berlinale für ihre  Rolle in "Bürgschaft für ein Jahr" bekam, wie sie ihre erste Reise nach West-Bberlin zur Preisverleihung empfand, und später dann, wie sie den Mauerfall erlebte, nämlich betrunken in einer Kneipe in Babelsberg – und wie sie erfuhr, dass ihre beste Freundin sie für die Stasi bespitzelt hatte.

Den Lesungsteil kommentiert sie damit, dass beide etwas davon hätten: die Zuschauer und sie. Sie, weil die Zuschauer jetzt so gespannt wären, wie es weitergeht, dass sie das vor dem Eingang draußen angebotene Buch kaufen würden. "Das ist Kapitalismus!"

Andrea Handels, rbbKultur

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