Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten Christoph Eschenbach © Martin Walz
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Konzerthaus Berlin – Konzert zur Saisoneröffnung - Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten Christoph Eschenbach

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Auch beim Konzerthaus Berlin beginnt eine neue Ära: Christoph Eschenbach ist ab sofort Chefdirigent des Konzerthausorchesters. Da hat man zweifellos einen großen Namen. Aber doch eher eine Interimsbesetzung.

Am Konzerthaus weiß man, dass man da einen großen Fisch an der Angel hat. Das war in Berlin sehr gut zu beobachten mit einer großangelegten Plakataktion mit Christoph Eschenbach schwarz-weiß in vergeistigten Posen. Eigentlich hat er das nicht nötig.

Beim Antrittskonzert selbst: großer Bahnhof mit drei Reden: Intendant, Orchestervorstand, Kultursenator, letzterer mit einer für seine Verhältnisse langen Rede. Das Interesse war da: Im Parkett war der Mittelgang mit Stühlen zugebaut. Und am Ende gab es wenigstens im dritten Anlauf die erwarteten stehenden Ovationen für Christoph Eschenbach.

Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten Christoph Eschenbach © Martin Walz
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Mahlers Achte

So ein Beginn muss groß inszeniert werden. Und da ist Gustav Mahlers achte Sinfonie ein grundsätzlich weitgreifendes, bedeutendes Werk. Ein Pfingsthymnus trifft auf die Erlösung der Seele von Goethes Faust aus der Liebe heraus. Eine schöne Idee, nur leider das falsche Stück für das Konzerthaus.

Mahler verlangt eine gigantische Besetzung: ein Riesenorchester, zwei Chöre, einen Knabenchor. Da passte wirklich keine Maus mehr auf das Podium, die beiden Chöre mussten sogar noch seitlich auf die Chorbänke verteilt werden. Das eigentliche Problem ist aber die Akustik im Konzerthaus. Jedes Fortissimo klingelte und dröhnte in den Ohren. Man wollte ein Werk der Superlative, hat es auch bekommen, aber auf Kosten der künstlerischen Substanz.

Auch hier: keine Interpretation

Das war ein Déjà-vu-Erlebnis: Wie genau eine Woche zuvor bei Kirill Petrenkos Antrittskonzert bei den Berliner Philharmonikern mit Beethovens Neunter fand auch Christoph Eschenbach am Pult des Konzerthausorchesters keine wirkliche Interpretation, keine Deutung der Mahler-Sinfonie. Die überwältigenden Stellen, das Hymnische, Überhöhte, Jubelnde, die Erlösung schließlich – das macht die Musik von ganz allein.

Wo aber Feinzeichnung gefordert ist, wo Mahler trotz der Riesenbesetzung fast kammermusikalisch wird, plätschert es minutenlang nur im Wohlklang dahin. Die Chöre bringen das Konzerthaus zum Erzittern, die acht Soli hangeln sich mal mehr mal weniger mühevoll durch ihre Partien. Man versteht fast kein einziges Wort, fühlt sich erschlagen. Einiges ist nicht zusammen, aber schlimmer: passagenweise langweilt es ganz entsetzlich.

Guter Handwerker mit Eiseskälte

Die stärksten Stellen des Abends sind die reinen Orchesterpassagen. Warum Christoph Eschenbach ein so hervorragender Dirigent ist – und auch gerne von Jugendorchestern angefragt wird – zeigte sich hier. Da hob die Musik phasenweise vom Boden ab. Die Schärfe seines Dirigats sorgte dafür, dass plötzlich alle einander zuhörten. Da stimmte die Balance im Orchester, wo sonst die Blechbläser hilflos gegen die Chöre andröhnten.

Christoph Eschenbach macht am Pult nur das Nötigste: ganz sachlich, fast technisch. Wie mit einem Seziermesser treibt er die Musik in den besten Momenten in eine Präzision, die Gänsehaut erzeugt. Er ist ein Dirigent, der Eiseskälte ausstrahlt. Wo die Strukturen für sich sprechen, ist das eine Qualität. Wärme, Emotion, Emphase – das alles allerdings sucht man bei ihm vergebens.

Dirigent vs. Chefdirigent

Christoph Eschenbach ist ein enorm erfahrener Dirigent. Im kommenden Jahr wird er 80 Jahre alt. In einigen der Reden wurde das thematisiert und gesagt: Natürlich kann man auch in diesem Alter hervorragend seinen Job als Dirigent versehen. Stimmt!

Was aber nicht thematisiert wurde: Warum muss man in diesem Alter noch einmal CHEF-Dirigent werden?! Als Gastdirigenten kann man Christoph Eschenbach jederzeit einladen. Als Chefdirigent muss man aber mehr mitbringen: ein Orchester prägen, in die Zukunft führen, Visionen haben, weit, idealerweise viele Jahre vorausdenken. Mit 80 Jahren ist das alles nicht mehr so leicht.

Interimslösung?

Ist Christoph Eschenbach vielleicht eher eine Interimslösung? Er hat, das wurde noch einmal gesagt, lediglich einen Dreijahresvertrag am Konzerthaus. Der Intendant des Hauses, Sebastian Nordmann, ist vor allem ein erfolgreicher Manager, und sicher deswegen wurde sein Vertrag in diesen Tagen auch weit verlängert. In zwei Jahren steht am Haus ein großes Jubiläum an. Dann wurde zweihundert Jahre vorher das an diesem Platz stehende Schauspielhaus eingeweiht.

Für diese zu erwartenden Jubliäumsfeierlichkeiten benötigte Sebastian Nordmann einen großen Namen als Chef des Orchesters. Den hat man jetzt mit Christoph Eschenbach, und das war sicher der Hauptgrund, ihn in dieses Amt zu berufen. Wenn Nordmann aber gut gearbeitet hat, hat er jetzt schon einen neuen Chefdirigenten für die Zeit ab 2022. Und wenn Nordmann richtig gut gearbeitet hat, vielleicht sogar eine ChefdirigentIN. Damit könnte das Haus punkten, und das würde in Berlin auch mal Zeit.

Andreas Göbel, rbbKultur

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