Antrittskonzert: Kirill Petrenko dirigiert Beethovens Neunte Symphonie; © Stephan Rabold
Stephan Rabold
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Berliner Philharmoniker – Konzert zur Saisoneröffnung - Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko

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Endlich ist es so weit: Kirill Petrenko tritt sein Amt als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker an. Und hier zeigen sich gleichermaßen die Stärken und Schwächen des Neuen.

Kirill Petrenko ist ein körperlicher Dirigent. Er gönnt dem Orchester keine Entspannung, er weist den Musikern ihre Einsätze an, es durchzurchzuckt ihn wie mit Energieströmen. Der Mann ist einfach 100.000 Volt.

Wenn man nun zur Saisoneröffnung und Einführung als Chefdirigent die neunte Sinfonie von Beethoven auf das Programm setzt, muss man keine Sorgen haben, ob das ausreichend feierlich wird. Natürlich gab es stehende Ovationen, was hätte man anderes erwartet!?

Antrittskonzert: Kirill Petrenko dirigiert Beethovens Neunte Symphonie; © Stephan Rabold
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Ausdrucksmusiker

Eine Deutung findet Kirill Petrenko für Beethovens Neunte nicht. Er ist Ausdrucksmusiker mit Leidenschaft, dazu jemand, der gerne alles zwanghaft kontrolliert. Beethovens Sinfonie erwächst aus einem ziemlichen Urschleim, ein Tonmaterial, aus dem heraus sich alles formt.

Diesen Prozess macht Petrenko für fünfzehn Sekunden auch ganz fahl und beeindruckend deutlich. Dann aber ist das große, fast zu großbesetzte Orchester, da. Es dröhnt los, man blickt in die Hölle, es wird fast panisch nach vorne getrieben. Immerhin gibt es hier eine Ahnung davon, dass die Sinfonie nicht gleich in Jubel und Freude untergeht.

Keine Utopie

Kirill Petrenko ist kein unbeschriebenes Blatt in Berlin. Schon in seinen Jahren als Generalmusikdirektor an der Komischen Oper hat er viel Wert auf Orchesterdisziplin gelegt, aber gerne dynamisch mächtig überzogen. Auch der Schluss der Neunten von Beethoven wird in ohrenbetäubender Lautstärke abgefeiert. Aber ist das Beethovens Intention?

Beethoven formuliert mit Hilfe von Schillers Text eine Vision, eine Hoffnung, einen Wunsch, dass alle Menschen Brüder – werden mögen! Beethoven sagt ganz klar: das ist noch nicht so. Er übt Kritik an seiner Zeit. Und sollte das heute besser sein?! Das ist immer noch eine Utopie. Kirill Petrenko jedoch tut so, als sei alles schon erreicht. Da ist nichts gebrochen, nichts hinterfragt. So eindimensional, so unreflektiert hat man das selten gehört. Dieses Jubelgeschrei ist ein komplettes Missverständnis.

Zauberkasten

Die Berliner Philharmoniker zeigen sich zum Saisonstart in bester Verfassung. Die Stärke von Kirill Petrenko besteht darin, dass er in minutiöser Kleinarbeit an der Orchesterkultur feilt, bis alles ineinander geht. Und die wunderbaren Musiker*innen der Philharmoniker können das auch alles. Da finden sich Farben wie aus einem Zauberkasten gezogen.

Muss man noch erwähnen, dass der Rundfunkchor Berlin in gewohnt raumfüllender Pracht auftritt?! Und auswendig können sie es schon lange. Petrenko holt aus allen technisch und klanglich das Beste heraus, nur schießt er, wie schon so oft, über das Ziel hinaus.

Abwarten …

Vor der Pause: faszinierend, wie die Philharmoniker die schwere Partitur von Alban Bergs "Lulu-Suite" spielen, mit einer Lässigkeit und Coolness, alles locker und geschmeidig, als Spitzenorchester muss man das nicht fürchten. Ein Vergnügen, jeden einzelnen Musiker zu verfolgen. Aber: Wo bleibt das Dramatische, das Abgründige, auch das Hässliche? Alles perfekt, aber zu nett, zu harmlos.

Auch die Sopranistin Marlis Petersen wirft ihre halsbrecherischen Koloraturen hin, als wäre es nichts. Warum sie allerdings die von Alban Berg ausdrücklich vorgesehene und auch im Programmheft abgedruckte Vokalpartie der Schluss-Szene nicht bringt, bleibt ihr Geheimnis.

Kirill Petrenko jedenfalls hat sein Orchester hinter sich – bislang. Das ist ein großes Pfund, das war nicht immer so. Alle scheinen mitzuziehen und stehen hörbar hinter ihrem neuen Chef. Kirill Petrenko muss jetzt beweisen, dass er auch als Interpret Maßstäbe setzen und eine neue Ära begründen kann.

Andreas Göbel, rbbKultur

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