Deutsche Oper Berlin: "La forza del destino"; © Thomas Aurin
Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Deutsche Oper Berlin - "La forza del destino"

Bewertung:

Verglichen mit dem Vorgänger-Skandal anno 1982, damals in der Regie von Hans Neuenfels mit rollenden Panzern, kann sich der Castorf-Radau der neuen "Forza" sehen lassen.

Im 4. Akt drohte die Premiere abgebrochen werden zu müssen. Rufe wie "Castorf go home" und "Wir wollen Verdi" zerreißen die Luft. Einige hatten auch bloß gelacht. Was war geschehen? Frank Castorf hatte es gewagt, ein Paar librettofremde Texte einzustreuen – von Curzio Malaparte, Heiner Müller und anderen.

Darauf, man muss es leider sagen: ein hochnotpeinliches, endloses Gezeter! Blamabel für das Publikum, dem hier nicht einmal etwas vorenthalten worden war (das Stück wird musikalisch treu durchgespielt). Stattdessen Rabatz, teilweise Gepöbel, der die Aufführung nur länger macht, und das aus einem läppischen Grund. Verkneifen wir uns eine politische Deutung und beschränken wir uns darauf zu sagen: Erstaunlich, welch archaische Reflexe des bürgerlichen Urschreis die Oper noch provoziert.

Castorf'sche Schlüsselreize

Der Regisseur, der sich mit Kusshänden für den Radau bedankte (er darf dankbar sein für einen solchen Gratis-Aufruhr), verlegt das Werk aus dem 18. Jahrhundert ins Jahr 1943 – in die Hochphase des Faschismus (inspiriert von Malapartes Roman "Die Haut"). Das bewirkt immerhin, dass einem die merkwürdig präsente Kriegsszenerie des Stückes viel deutlicher wird. Für Castorf ist das im Titel genannte Schicksal ein kriegskritischer Faktor, der sich durch keine militärische Maßnahme beherrschen lässt. Etwas Positives also. Ich nenne das eine These.

Auf der Bühne von Aleksandar Denic dreht sich die für Castorf übliche Holzgerüst-Konstruktion. Diesmal sehr naturalistisch mit einer ganzen Kirchenfront und den bekannten Leinwänden. Das Problem: Es überwiegen Castorf'sche Schlüsselreize. Er entwickelt sich – alter Kerl, der er ist – nicht mehr weiter. Eine Castorf-Konfektion hat sich ergeben.

Schwer zu besetzen

"La forza del destino" gehört zu den am schwersten besetzbaren Werken Verdis. Und büßt, knapp unter optimal besetzt, erheblich an Wirkung ein. Maria José Siri ist ein "Gebrauchs-Star" auf allen größten Bühnen der Welt, ohne große Fangemeinde. Bei leicht talgigem Timbre und gelblicher Höhe stürzt sie sich höchst engagiert in ihre Leonora. Markus Brück als Bruder singt mit jovialer Bissigkeit.

Am meisten Applaus bekommt Russell Thomas in der Tenor-Hauptrolle des Don Alvaro – trotz leicht verschatteten Spitzentönen und etwas steifbeiniger Phrasierung. Am Besten: Marko Mimica als Pater Guardian und Misha Kiria als Fra Melitone. Die Kleinen reißen's raus.

Deutsche Oper Berlin: "La forza del destino"; © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Einspringer Jordí Bernàcer am Pult (für den wegen Schulterproblemen ausgecheckten Paolo Carignani) kommt über grobkörniges Deuten kaum hinaus. So kann kein Sänger fein gestalten. Kurz: Ein vierstündiger Abend, künstlerisch durchwachsen und ästhetisch gut abgehangen. Es tut mir Leid: Sollte auch ein Publikum durchfallen können, so sind wir bei diesem Qualifikationsrennen eine Runde weiter.

Es zeigt sich, wie mächtig das Schicksal noch in der Oper ist. Die alten Muster greifen.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

Weitere Rezensionen