Deutsche Oper Berlin: Wolfsschlucht © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
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Deutsche Oper Berlin - "Wolfsschlucht"

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Zwei Jahrhunderte ist Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" bald alt, und wie aktuell nach wie vor und mehr denn je Klassik ist, bewies der junge Komponist Malte Giesen mit seiner Überschreibung an der Deutschen Oper Berlin.

Die "Wolfsschlucht" – das ist die zentrale Szene der Oper "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber. Darin werden die Freikugeln gegossen, die immer treffen – nur dass leider die siebente dem Teufel gehört. Da geht es um Aberglaube, um den Pakt mit dem Bösen. Die Oper erzählt von einer traumatisierten Gesellschaft kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Gleichzeitig ist Webers Oper der zentrale Ausgangspunkt der deutschen romantischen Oper.

Malte Giesen, Anfang 30, gehört zu den Digital Natives. Alles, was in der Musikgeschichte gelaufen ist, ist für ihn Material. Er dampft die originale Oper von drei Stunden auf gerade einmal eine Stunde ein. Alle wichtigen Motive sind textlich und musikalisch vorhanden, aber oft nur angespielt, elektronisch verfremdet und neu geordnet. Wir erleben das als Zitate aus einer längst vergangenen Zeit, die sich ihre Aktualität aber immer wieder aufs Neue erobern.

Hautnahes Straßentheater

Ort des Geschehens ist die Tischlerei der Deutschen Oper, diesmal als leergeräumter Raum. Eine Bühne gibt es immerhin für das kleine Ensemble: zwei Hörner, Klavier, Synthesizer, Schlagzeug plus Dirigent. Ein paar Monitore sind auch vorhanden, auf einem als Endlos-Schleife ein Auto-Crash.

Darsteller*innen und Publikum sind barrierelos zusammen. Da kommt es schon einmal vor, dass sich der Sänger der Hauptfigur seinen Weg durch das Auditorium bahnen muss, dass man von einem Mitglied des Kinderchores an die Hand genommen und zur Seite geleitet wird oder von einem der Sänger an den Schultern gepackt wird. Das sind alles Mini-Szenen als eine Art Straßentheater, das einfach irgendwo stattfindet und sich seinen Raum nimmt.

Wald, Müll und der Rest von Heimat

Alles, was man zu sehen bekommt, ist in Webers Oper angelegt. Der Hauptakteur: der Wald, Ort gleichermaßen von Geborgenheit und Unheimlichkeit, erscheint hier nur noch als heruntergebrochener Ast mit vertrockneten Blättern. Da krachen dann Dutzende von Spielzeugpuppen herunter, alle in Plastik eingeschweißt – die Zerstörung der Natur als Müllhaufen.

Ebenso die Frage nach Identität – der "Freischütz" als deutsche Nationaloper. Da erzählen gesprochene Zwischentexte vom Verlust von Heimat und internationalen Krisenherden. Heimat aber auch als Klischee mit einem kitschigen Sofa, auf dem die Figuren Platz nehmen dazu die Nationalhymne von einer Spieluhr. Der Kinderchor schließlich als Symbol romantischer Unschuld – hier als Untote mit Blutflecken auf den weißen Kleidern. Der "Freischütz" als Ausgangspunkt der deutschen romantischen Oper ist in der Gegenwart mit Flucht, Vertreibung und Klimakatastrophe angekommen.

Deutsche Oper Berlin: Wolfsschlucht © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
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Elektronik-Raum

Malte Giesen lässt alle bekannten Nummern der Oper aufscheinen, auch mit Originaltext. Die drei Hauptfiguren sind vorhanden und sogar ansatzweise als Operngestalten. Allerdings mit Elektronik-Ebene, die den Raum akustisch erfahrbar macht.

Man hat das Gefühl, ständig von Klängen umgeben zu sein. Giesen nimmt die wesentlichen Motive der Oper, staucht oder dehnt sie, weitet sie aus und fügt den Melodien eine weitere Ebene hinzu. Man fühlt sich von der Musik umschlossen. Wie in einer Art Disco-Raum hat man das Gefühl, durch Klangwände hindurchzugehen. Die Musik wird zur Materie. Man meint, sie mit Händen greifen zu können.

Die Gegenwart der Klassik

Grandios agieren hier die drei Hauptdarsteller*innen, fangen Momente von Angst und Verzweiflung ein. Was sonst eine ganze lange Arie oder Szene braucht, ist hier in wenigen Sekunden verständlich und in wenigen Gesten greifbar. Der Kinderchor der Deutschen Oper begeistert – von einer Formation in die nächste, aber auch individuell unter das Publikum gemischt und mit einer Spielfreude als Waldgeister mit Baum- und Geweihkopfbedeckungen.

Mit dieser Produktion ist es gelungen, eine der zentralen Opern ins Heute zu holen, ohne dass es plakativ wird, auch ohne das inzwischen langweilig gewordene, als Avantgarde von vorgestern abgestandene Castorf-Theater eine Woche zuvor im Großen Haus bei Verdi. Hier wird die Klassik mit den Mitteln der Gegenwart interpretiert. Zwei Jahrhunderte ist Webers "Freischütz" inzwischen alt, aber aktueller, gegenwärtiger kann man diesen Klassiker kaum präsentieren.

Andreas Göbel, rbbKultur

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