Konzerthausorchester Berlin; Foto: Marco Borggreve
Marco Borggreve
Bild: Marco Borggreve

Konzerthaus Berlin - Konzerthausorchester Berlin unter Eliahu Inbal

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Nach anfänglichen Schwächen hört man Anton Bruckners monumentale Achte Sinfonie in der ersten Fassung mit wachsender Faszination. Das hätte damals wirklich niemand verstanden – und auch heute noch geht es an die Grenzen des Fassbaren.

Die zweite Fassung hat der Achten von Bruckner zum Durchbruch verholfen als eine, wenn nicht die gigantischste rein instrumentale Sinfonie des 19. Jahrhunderts. Der triumphale Erfolg hat allerdings auch dazu geführt, dass man bis heute eigentlich nur diese zweite Fassung zu hören bekommt.

Eliahu Inbal war vor über dreieinhalb Jahrzehnten der erste, der die Erstfassung aufgenommen hat. Davor gab es lange Jahre eine Mischfassung von Robert Haas auf der Basis der zweiten Version mit ein paar eingeschobenen Takten aus der ersten.

Monumental und endlos

Die Bruckner-Fans hören natürlich sofort die Unterschiede beider Fassungen. Für alle anderen klingt es halt wir Bruckner im Klischee – monumental und endlos. So mancher muss davor allzu großen Respekt gehabt haben – jedenfalls war das Konzerthaus gerade einmal zu zwei Dritteln verkauft.

Zwischen beiden Fassungen gibt es durchaus entscheidende Unterschiede. Bruckner hat viel gekürzt und uminstrumentalisiert. Komplett anders ist der Schluss des Kopfsatzes – überarbeitet leise – im Original mit wie sonst immer bei Bruckner triumphalem Getöse. Und schließlich hat er im Scherzo den Trio-Teil komplett neu komponiert.

Hohles Getöse

Der Beginn der Aufführung enttäuschte – das war unglaublich pauschal, behäbig und schleppend. Der gesamte erste Satz zog sich wie ein Lavastrom dahin – lustlos und breit. Da hätte man sich einen angespitzteren Bleistift gewünscht für feinere Linien.

Eliahu Inbal kann auch ein ziemlicher Pedant am Pult sein, der mit vibrierenden Gesten Intensität erzeugen möchte. Allerdings ist der Schluss des ersten Satzes in der triumphalen früheren Fassung auch nicht zu retten. Auch der Blick in die Partitur lässt die Gewissheit zu – dass Bruckner dieses hohle Getöse dann später gestrichen hat, das war eine gute Entscheidung.

Körperliche Präsenz und geistige Durchdringung

Allerdings gab es dann eine andere Welt – im Scherzo weniger, das schleppte sich zäh dahin – aber das frühere Trio war eine ganz andere Welt mit ein wenig Wärme und viel Sanglichkeit. Eigentlich schade, dass Bruckner das neu ersetzt hat.

Der langsame Satz ist immer eine Herausforderung. Fast eine halbe Stunde, haufenweise Elemente, kaum verbunden – eigentlich aussichtslos. Aber dann hat Eliahu Inbal noch einmal bewiesen, welch wunderbarer Bruckner-Dirigent er ist: mit inzwischen 83 Jahren in körperlicher Präsenz und geistiger Durchdringung – beneidenswert.

Inbal hat diesen Brocken gepackt und so einladend dirigiert, als wäre man auf einer Wanderung und würde von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt geleitet. Einer schöner als der andere, voller Erhabenheit und mit Raumgefühl. Bruckner hatte die Akustik und Architektur großer Katheralen im Kopf. Und so wirkte das auch hier: Man hatte das Gefühl, dass das nie aufhört – aber die Vorstellung, dass es nie aufhören würde, war doch schön.

Die Posaunen von Jericho

Das Finale der Sinfonie hat dann auch heute nachvollziehbar gezeigt, dass es damals wirklich aussichtslos gewesen wäre, die Erstfassung der Sinfonie einem Publikum nahezubringen. Das hat eine Brutalität, so dass man sich durchaus die Macht der biblischen Posaunen von Jericho vorstellen kann, die die Mauern der Stadt zum Einsturz brachten. Eliahu Inbal hat eine Freude daran, das auch knallhart so durchzudirigieren – schmetternd und krachend.

Das kann man natürlich nur so gestalten, wenn das Orchester mitzieht, und das Konzerthausorchester hat sich in diesen Klangorkan hineingefunden. Am Abend zuvor war man damit noch beim Brucknerfest in Linz, also für Berlin gut eingespielt. Die letzten beiden Sätze hat man auf der Stuhlkante verbracht, und nach dem Ende des Finales benötigte man dringend Luft zum Durchatmen. Das war beklemmend und beeindruckend.

Andreas Göbel, rbbKultur

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