Ensemble der Karajan-Akademie der Stiftung Berliner Philharmoniker; © Peter Adamik
Peter Adamik
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Musikfest Berlin | Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal - Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker

Bewertung:

Erstmals präsentierte sich in diesem Jahr auch die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker beim Musikfest Berlin, und das gleich mit zwei anspruchsvollen Werken der zeitgenössischen Musik – mit Erfolg.

Ein knappes halbes Jahrhundert ist es her, da hat der damalige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan, an den Nachwuchs für sein Orchester gedacht, und seitdem bietet das Orchester diese Zusatzausbildung nach dem Studium an.

Darin lernen die jungen Stipendiat*innen das Spiel im Orchester, sind oft auch bei den Konzerten selbst dabei, bekommen Einzelunterricht und erarbeiten Kammermusikprogramme. So etwas gibt es inzwischen bei vielen Orchestern. Und hier hat man auch erkannt, wie selbstverständlich heute die Auseinandersetzung mit Neuer Musik geworden ist.

Spezialistin

Die Entscheidung für Susanna Mälkki als Dirigentin des Abends hätte nicht besser sein können. Sie ist – nicht nur, aber auch – eine Spezialistin für Neue Musik, hat etliche Jahre mit dem Ensemble intercontemporain eines der führenden Ensembles für diese Musik geleitet.

Alles hat sie nicht gemacht – es gab eine Voreinstudierung der Stücke durch Gregor Mayrhofer. Der ist Dirigierstipendiat der Karajan-Akademie und hat mit dieser Musik einige Erfahrungen. Susanna Mälkki hat das alles dann noch etwas veredelt. Mit klaren Zeichen hält sie die Aufführungen zusammen, sehr souverän angesichts dieser auch rhythmisch vertrackten Werke.

Schreibmaschine und Portiersglocke

In ihrem Stück “Aello“ bezieht sich Olga Neuwirth auf die Windsbraut aus der griechischen Mythologie. Das hört man auch – es pfeift und zischt durch das Ensemble, teilweise in Tinnitus-Höhe und -Lautstärke.

Daneben ist das Stück auch eine Auseinandersetzung mit Bachs viertem Brandenburgischen Konzert. Da tickert ein Cembalo mit, allerdings sehr künstlich klingend vom Synthesizer. Der Rhythmus wird von Schreibmaschine und Portiersglocke unterstützt. Das alles klingt bewusst sehr mechanisch. Die Barockmusik wird ja gerne immer mal etwas despektierlich als “Nähmaschinenmusik“ bezeichnet, und auf dieses scheinbar Gleichförmige spielt das Werk an. Das tiefgründigste Stück von Olga Neuwirth ist es sicher nicht, allerdings doch durchaus unterhaltsam.

Erschöpft, aber glücklich

Der Solopart für Flöte und Bassflöte hat es in sich. Und das fordert sogar den Solo-Flötisten der Berliner Philharmoniker, Emmanuel Pahud, heraus. Er spielt immer wieder und gerne zeitgenössische Musik, allerdings oft eher die gemäßigten Stücke.

Hier muss er sich mit permanenten Überblastechniken auseinandersetzen. Die schrillen Windgeräusche kommen im letzten Teil sogar aus einer Bassflöte, wenn er aus dem eigentlich tiefen Instrument fast nur hohe Töne herausholt. Das ist eine Kraftanstrengung, und durchaus nachvollziehbar hat er sich am Ende demonstrativ erschöpft, aber glücklich in seinen Stuhl fallen lassen. Eine bravouröse Leistung.

Nicht mehr von dieser Welt

Ganz anders funktionieren die “Quatre chants pour franchir le seuil“ von Gérard Grisey. Das “Überschreiten der Schwelle“ ist hier sehr ernst gemeint. Es geht um den Vorgang des Sterbens, um den Übergang von dieser Welt in etwas anderes.

Die Musik scheint auch tatsächlich nicht mehr ganz von dieser Welt zu sein. Gleich am Beginn steht lediglich ein Rauschen im Schlagzeug, ein simpler, aber so abgezirkelter Effekt, dass man im Saal tatsächlich die berüchtigte Stecknadel hätte fallen hören können. Im weiteren Verlauf wuchern die Linien im Ensemble ohne Anfang oder Ende. Es erinnert mitunter an Tonaufnahmen, die man rückwärts laufen lässt, leicht künstlich und irgendwie gespenstisch.

Ins Meer getaucht

Die Sopranistin Juliet Fraser – auch sie eine absolute Spezialistin für die zeitgenössische Musik – hat Texte zu singen, oft Jahrtausende alt, aus Griechenland oder Ägypten. Allerdings versteht man kaum etwas, wenn man nicht im Programmheft mitliest. Da ist es faszinierender, wie sie mit diesem Text- und Tonmaterial umgeht.

Das bewegt sich in Extremen zwischen abgehackten Silben, dagegen endlose Steigerungen, tonloses Zitieren etc. Das ist kein traditionelles Singen, von Instrumenten begleitet. Die Stimme ist vielmehr Teil des Gesamtklangs, wird vom Ensemble oft auch überwuchert. Kein solistischer Charakter, sondern eine Klangfarbe, die in das Meer der anderen eintaucht und darin aufgeht. Diese Balance zu erreichen, ist große Kunst – eine beeindruckende Aufführung.

Andreas Göbel, rbbKultur

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