DSO Berlin: Rusalka | Bass Alexander Roslavets als Wassermann und Sopranistin Sally Matthews als Rusalka © DSO/Kai Bienert
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Musikfest Berlin - "Rusalka"

Bewertung:

Mit Dvořáks Nixenoper "Rusalka" geht das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in die Saison und gleichzeitig das Musikfest Berlin zu Ende. – Das lyrische Märchen als konzertante Aufführung. Dirigiert von Robin Ticciati.

Warum "Rusalka" konzertant – beim Musikfest? Nun, Robin Ticciati hat das Werk gerade in Glyndebourne in der nämlichen Besetzung dirigiert; kleine "Zweiverwertung" für ihn. Zum anderen liegt Antonin Dvorak genau auf seinem Repertoire-Wege beim DSO (wo er die Achte und die Neunte schon dirigierte).

Ticciati scheint hier genau an der richtigen Adresse. Denn der warme, naturrhythmische Klang, den er favorisiert, passt zu Dvorak sogar noch besser als zu Haydn und Schumann (für die er in Edinburgh Großartiges bewirkt hatte). Freilich, freilich... Mir ging es so, wie es mir öfters bei "Rusalka" geht: Ich marschiere frohgemut in der Erwartung hinein, dass dies doch eigentlich meine Lieblingsoper ist. Und komme wieder heraus, indem ich denke: Nö, doch nicht. Mein Liebling ist das nun doch nicht ganz.

Herrliche Naturhymnen lässt Ticciati zu Anfang aufrauschen: eine idyllisch umgeschlagene Waldeinsamkeits-Elegie, belebt ganz aus dem Zentrum des Orchesters heraus, von den Celli und  Holzbläsern her. Und von Waldhörnern verklärt. Schön auch, wie Ticciati den Puls des Werkes findet, indem er ihm "den Puls fühlt". Es sind stets sehr natürliche, "temperierte" Empfindungen, die seiner Interpretationen leiten. Nie ein Exzess, kein Ausrutscher nach unten. What a well educated young man!

Das Problem: Das volkstümlich Schwelgerische scheut Ticciati wie der Teufel das Weihwasser. Deswegen kommt kein Märchen dabei herum. Auch kein Sommernachts-Wald à la Shakespeare, wie man bei einem Briten erwarten könnte. Sondern ein Kunstmärchen wie bei Oscar Wilde: "Die Waldnixe von Canterbury". Etwas fehlt.

DSO Berlin: Rusalka | Klaus Florian Vogt als Prinz © DSO/Kai Bienert
Bild: DSO/Kai Bienert

Nicht eindrücklich genug

Normalerweise ist Rusalka Durchgangsrolle einer Lyrischen auf dem steilen Weg in dramatischere Gefilde (so bei berühmten Vorgängerinnen wie Gabriela Benackova oder Renée Fleming). Nicht so bei Sally Matthews als Unterholz-Sirene. Ihre Spitzen bleiben perlmutthaft lind. Die Mittellage mit Zimt bestäubt. Ihr Prinz (Pavol Breslik) war ausgefallen. Weshalb Klaus Florian Vogt hochrangig, aber etwas abgenagt klingend für ihn eingesprungen ist. Ein großer Sänger, kein Zweifel; nur dass er bei Wagner mit metallischer Force wettmachen kann, was ihm an Schmelz, Brio, an Unterleib leider fehlt. Die übrigen: Versiert und persönlichkeitsarm. Für mich nicht eindrücklich genug.

Wenn man die Stimmen so instrumental besetzt, dass sie aus dem Orchester jugendstilhaft hervorwachsen, hat man eine konzertante Aufführung schon begründet. Ticciati geht sogar noch weiter und landet bei einer sinfonischen Reinterpretation.

In den letzten Jahren hat "Rusalka" auf allen großen Bühnen dieser Welt einen enormen Siegeszug vollendet – außer (wie so oft) in Berlin, wo es lediglich an der Komischen Oper zu erleben war (dort aber sehr schön mit Asmik Grigorian). Den naturalistischen Tücken der Wassertümpel und Laubnetze kann man konzertant gut ausweichen.

Der zauberische Orchestersatz sollte sich umso glanzvoller entfalten. Tatsächlich wollen wir nicht verhehlen, welch großartige Fülle von Farben das DSO auf seiner Palette hat! Welten trennen es etwa vom Orchester der Deutschen Oper, das sich zwei Tage vorher am selben Ort vorgestellt hatte. Und dennoch: Nicht ganz Edel-Fisch, nicht ganz Wild-Fleisch. Nicht wirklich Wassernixe, nicht Wassermann.

DSO Berlin: Rusalka | Sopranistin Sally Matthews und Tenor Klaus Florian Vogt © DSO/Kai Bienert
Bild: DSO/Kai Bienert

Ein schöner Abend

Für Ticciatis bisherige Bilanz besagt dies, dass er sich mit Macht vom Spezialisten zum Universalisten wandeln will; womit er noch etwas hadert. Die Ergebnisse sind trefflich, aber nicht ganz so schlagend, wie man es erwartet hatte. Für die kleine Besetzung, die er am besten kann, ist er beim DSO nicht ganz am rechten Ort. An solch hohen Ansprüchen gemessen, ein dennoch schöner Abend.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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